Freitag, 6. Januar 2012

Schlechtes Geschäft

Betrachten wir den "Fall Marco Reus" mal aus einem anderen Blickwinkel. Nämlich dem ökonomischen. Und zwar aus der Sicht des Arbeitgebers, des Clubs. Die Sicht des Spielers ist relativ uninteressant, sie erschöpft sich in Gehaltsmaximierung. Mit Verhandlungsgeschick kann der Spieler sein Ergebnis steigern. Doch dazu später.

Der Volksmund weiß: Das Kapital eines Vereins sind seine Spieler. Das ist insofern richtig, als Spieler das wichtigste Produktionsmittel eines Profivereins (= Fußballunternehmens) sind. Doch im Profifußball kommt noch eine Besonderheit hinzu: Spieler sind gleichzeitig auch ein Vermögenswert des Fußballunternehmens. Ähnlich wie Maschinen oder Gebäude.

Zwar "besitzt" das Fußballunternehmen keinen Spieler als Person (die Leibeigenschaft ist ja schon seit geraumer Zeit abgeschafft), doch er besitzt die Transferrechte an dem Spieler. Zumindest bis zum Ende der Vertragslaufzeit. Diese Transferrechte kann er verkaufen. Der Erlös fließt entweder ins passive Unternehmensvermögen oder kann aktiv neu investiert werden. Es ist also frisches Eigenkapital. Letzteres ist der Normalfall.

Wie hoch der Erlös dieses Transferrechteverkaufs ist, entscheidet der Markt. Vor einem Jahr kaufte der FC Liverpool (genauer gesagt: dessen Besitzer, die amerikanische Investmentfirma Fenway Sports Group) den Stürmer Andy Carroll (23) von Newcastle United, der zu dieser Zeit gerade einmal 41 Erstligaspiele auf dem Buckel hatte, für die Rekordsumme von 35 Millionen britischen Pfund, umgerechnet rund 42,4 Millionen Euro. Und das, obwohl die deutsche Website transfermarkt.de den Wert des Spielers auf "nur" 20 Millionen Euro (Stand: 6.1.12) taxiert. Selbst diese Schätzung scheint Experten (objektiv) sehr großzügig bemessen.

Hintergrund: Liverpool war nach dem Abgang von Fernando Torres in Handlungszwang. Unter diesem enormen Druck waren die Besitzer offenbar bereit, für irgendwie vielversprechende Spieler jeden Mondpreis zu bezahlen. Die wichtigste Erkenntnis daraus: Es macht keinen Sinn, zwischen dem "realen" und dem "fiktiven" Transferrechte-Marktwerts eines Spielers zu unterscheiden.

Was hat das alles mit Borussia Mönchengladbach und Marco Reus zu tun?

Der Marktwert von Marco Reus wird von transfermarkt.de mit 14 Millionen Euro angegeben (Stand: 6.1.12). Ich bin allerdings ganz sicher, dass Fußballunternehmen aus England, Spanien oder Italien für einen Spieler seiner Qualität mindestens 30 Millionen Euro zu zahlen bereit gewesen wären. Eher mehr.

Reus ist es durch Verhandlungsgeschick (siehe oben) gelungen, einen Festpreis für seine Transferrechte in den Vertrag mit Borussia schreiben zu lassen: 17,5 Millionen Euro, inclusive einer automatischen Vertragsende-Klausel. Das ist für ihn ein geldwerter Vorteil und wirkt sich aktuell gehaltsmindernd aus (sollte es jedenfalls). Eröffnet ihm aber gleichzeitig die Chance, mit wenig Aufwand und extrem geringem Risiko künftig sein Gehalt deutlich zu steigern, sei es durch Jahresgehalt oder Einmalzahlungen (Handgeld) seitens seines neuen Clubs.

Der Vorteil des Spielers ist der Nachteil des ihn beschäftigenden Fußballunternehmens. Zumindest dann, wenn der Spieler so gut spielt, dass der Marktwert seiner Transferrechte deutlich über den vereinbarten Festpreis hinaus geht. Das war bei Marco Reus zum Zeitpunkt seiner Vertragsverlängerung in Mönchengladbach Anfang November 2010 deutlich absehbar.

Was ich hier populär-wirtschaftlich beschrieben habe, sollte eigentlich für jeden leitenden Angestellten eines Fußballunternehmens sonnenklar sein. Insofern ist es mir ein Rätsel, weshalb sich Borussia Mönchengladbach auf diesen Deal eingelassen hat. Warum habt ihr euch dermaßen von Reus die Bedingungen diktieren lassen? Zu diesem Zeitpunkt bestand dazu kein sportlicher oder ökonomischer Zwang. Nur um euer Standing im kulminierenden Machtkampf mit der Effenberg-Opposition zu verbessern? Eine Erfolgsmeldung um jeden Preis?

Wie auch immer: Es war ein ganz bitterer Fehler. Wenn Borussia Dortmund wollte, könnten sie Reus' Transferrechte am 2. Juli für mindestens 30 Millionen gleich an Real Madrid, Juventus Turin oder FC Arsenal weiterverkaufen - ohne dass er ein einziges Mal für Dortmund gespielt hätte.

So krass wird es nicht kommen. Aber eines steht heute schon fest: Für Borussia Dortmund war es DAS Schnäppchen schlechthin. Reus' Transferrechte können das schwarz-gelbe Fußballunternehmen eines Tages auf einen Schlag reich machen. Es sei denn, dem Spieler ist es gelungen, auch dort einen Festpreis für seine Transferrechte in den Vertrag schreiben zu lassen ...

Fazit aus Borussia-Sicht:

  1. 17,5 Millionen Euro sind für unsere Verhältnisse ein sehr beachtliches Sümmchen, zumal die Reus-Transferrechte vor zweieinhalb Jahren erst eine Million Euro wert waren.
  2. Bitte investiert das Geld sinnvoll. Diese großartige Chance, künftig dauerhaft keine Fahrstuhlmannschaft mehr zu sein, kommt vermutlich so schnell nicht wieder.
  3. Wir haben durch die Festpreis-Vertragsklausel zig Millionen Euro verloren.
  4. Meine eindringliche Bitte an Max Eberl und Co.: Bitte verzichtet zukünftig auf Transferrechte-Festpreise, inclusive automatischen Vertragsende-Klauseln, in Spielerverträgen!

1 Kommentare:

  1. Nanu, was lese ich denn da?
    "Reus: Ausstiegsklausel beim BVB"
    (http://www.sport.de/medien/fussball/bundesliga-1/news-liga1/1d9c3-efdd6-72a7-24/reus-ausstiegsklausel-beim-bvb.html)

    AntwortenLöschen