Mittelmaß mit Absturzgarantie

von Thorsten Cöhring am 4. November 2012

Das richtungweisende Heimspiel gegen den SC Freiburg endete 1:1. Leider war es geradezu prototypisch für den bisherigen Saisonverlauf. Gestern bot mir die indiskutable Leistung von Schiedsrichter Stark glücklicherweise genug Anlass, nicht über die grottenschlechte Vorstellung der eigenen Mannschaft nachdenken zu müssen. Aber irgendwann holt einen die Realität ein.

17 Pflichtspiele hat Borussia Mönchengladbach bislang in dieser Saison absolviert. Zehn kommen bis Weihnachten noch hinzu. Bisher ist die Mannschaft, ebenso wie im Vorjahr weitgehend von langwierigen Verletzungen verschont geblieben – sieht man einmal von Luuk de Jongs wochenlangem Ausfall ab. Die Bilanz aus zehn Bundesligaspielen, zwei DFB-Pokalspielen und fünf Europapokal-Partien suggeriert absolutes Mittelmaß: sechs Siege, fünf Unentschieden, sechs Niederlagen. So weit, so gut – oder schlecht, je nach Erwartungshaltung. Aber schauen wir mal etwas genauer hin.

Borussia Mönchengladbach ist nichts für Fußball-Ästheten. Das ist gerade für Menschen wie mich, die durch die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts geprägt sind, nur schwer zu ertragen. Das Spiel unserer Mannschaft ist nicht aufgebaut auf filigrane Technik, auf Ballbesitz, auf Tempo, auf Aggressivität, auf Forechecking. Es basiert im Prinzip nur auf einer Säule: defensive Ordnung mittels gnadenloser Disziplin.

Diese Disziplin führt beispielsweise dazu, dass unsere Außenverteidiger nicht, wie bei Top-Mannschaften üblich, offensiven Druck ausüben. Niemals. Wendts Vorarbeit für Camargos Tor gegen Freiburg war bestenfalls die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Wir überlassen dem Gegner den Ball und verschieben unsere Ketten. Im 4-4-2-System, denn 4-2-3-1 funktioniert so nicht – es ist von der Grundausrichtung zu offensiv und lässt dem Gegner zu viele Räume. Favre hat es probiert und ist damit böse auf die Nase gefallen.

Offensive funktioniert in diesem System über Balleroberung im Mittelfeld und blitzschnelles Umschalten unter Nutzung der freien Räume. Kurze Steilpässe, gern auch diagonal, in die sogenannten “Schnittstellen”.

So klappte das in der vergangenen Saison sensationell gut. Weil wir mit Neustädter einen begnadeten Balleroberer und in Reus einen ebenso begnadeten Passgeber wie auch Passverwerter hatten.

Jetzt funktioniert das System nur noch bedingt. Weil wir keine Offensivumschaltung mehr haben, gerät die passive Defensive so unter Druck, dass sie vom ballbesitzenden Gegner förmlich erdrückt wird und die Spieler zu individuellen Fehlern gezwungen werden.

Unser Offensivspiel ruht nahezu ausschließlich auf den Schultern von Juan Arango. Das beginnt schon damit, dass jeder, aber auch wirklich JEDER, lange Ball von ter Stegen auf Arangos linke Seite geschlagen wird. Der arme Tropf aus Venezuela muss mindestens ein Dutzend Mal pro Spiel hoch in den Kopfball-Zweikampf. Mittlerweile hat das wohl jeder Kontrahent in der Bundesliga mitbekommen und doppelt dementsprechend unseren besten Mann.

Da uns die spielerische Komponente abgeht, basiert unser Angriffsspiel vor allem auf Standardsituationen. Das klappt gelegentlich ganz gut, wie gegen Hoffenheim oder Hannover, meistens allerdings nicht.

Die Eindimensionalität unseres Spiels, letztes Jahr unser Trumpf, wird allmählich zum Bumerang. Hoffnung macht die ansteigende Form von Patrick Herrmann in seiner neuen zentralen Angriffsrolle und vor allem die Auftritte von Lukas Rupp, der die rechte Seite gut abriegelt. Auch die Hereinnahme von Marx für den Fehleinkauf Xhaka hat sich in diesen Tagen gelohnt – ist aber wenig zukunftsträchtig.

Wir können nicht anders spielen, dazu fehlen uns die Spieler. Aber unser Fußball-Modell ist ein Auslaufmodell. Es wird igendwann zum Absturz führen. Wenn nicht in dieser Saison, dann ist der nächsten. Garantiert. Es sei denn, wir holen möglichst rasch Spieler, die dazu beitragen, die Mannschaft fußballerisch zu entwickeln. Xhaka und de Jong gehören ganz sicher nicht dazu.

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