Architekt gesucht

von Thorsten Cöhring am 3. April 2013

Die Diskussion darüber, ob Borussia Mönchengladbach die Qualifikation für den Europapokal 2013/14 schafft, halte ich für störrisch weltfremd. Immer wieder aufs Neue, wie zuletzt in Freiburg, wird uns vor Augen geführt: Die Mannschaft will, aber sie kann nicht. Es mangelt schlicht und einfach an individueller Qualität. Keinem Spieler kann man vorwerfen, dass er nicht besser ist als er ist. Die Mannschaft hat mit dem geschmeidig eingefahrenen Klassenerhalt das Optimum erreicht. Ich bin darüber sehr froh und glücklich. Zu erörtern sind ganz andere Fragen: Wie können wir besser werden? Wie können wir attraktiver spielen? Was müssen wir dafür tun? Und alles mündet schließlich in der Mutter aller Fragen: Wer soll das tun, wer soll die Mannschaft umbauen und formen?

Trainer Lucien Favre hat sich in seiner gut zweijährigen Amtszeit um unseren Verein verdient gemacht. Das steht außerhalb jeder Diskussion. Er hat uns vor dem sicheren Abstieg bewahrt und ein Jahr später in den Europapokal geführt. Das wird unauslöschlich in die Borussia-Annalen eingehen.

Aber ich traue Favre nicht zu Architekt einer Mannschaft zu sein, die sich in den kommenden Jahren dauerhaft in der oberen Tabellenhälfte etabliert. Unser Spielstil ist geprägt von Schüchternheit, manchmal gar Ängstlichkeit. Nicht von Selbstbewusstsein. Selbst Siege vermögen die Selbstzweifel aus den Köpfen der Spieler nicht zu verdrängen. Wie oft hätte ich den Spielern in den vergangenen Wochen und Monaten gern zugerufen: “Nun traut euch mal was!” Psychologie spielt im Sport eine große Rolle. Unsicherheit deutet auf ein Führungsproblem hin. Und der sportliche Leitwolf ist nun einmal der Trainer. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass Favre den mentalen Turnaround schafft. Wahrscheinlich wäre eine saubere Trennung für beide Seiten die beste Lösung.

Die diffuse Unsicherheit rund um den Borussia-Park wird auch in den Personalien deutlich. Seit Tagen wird in den Medien verkündet, Max Kruse vom SC Freiburg werde zur neuen Saison zur Borussia wechseln. Wird er? Das glaube ich erst, wenn der Vertrag unterschrieben ist. Kruse zählt zu den Hochbegabten der Liga und steht wahrscheinlich auch bei anderen Clubs auf dem Einkaufszettel. Alles andere würde mich bei einer festgeschriebenen Ablöse von 2,5 Millionen Euro wundern. Wir sollten also nicht überrascht sein, wenn Kruse in letzter Sekunde bei einem anderen Club anheuert.

Auch bei Patrick Herrmann ist längst nicht klar, ob er noch eine Saison bei uns spielen wird, oder bereits in diesem Sommer abgeworben wird. Denn bei den “Millionarios” aus Dortmund (Lewandowski) und Leverkusen (Schürrle) deuten sich personelle Vakanzen an. Ich hoffe, dass Herrmann keine festgeschriebene Mini-Ablöse in seinem Vertrag hat.

Völlig schleierhaft ist mir übrigens, warum Stürmer Sven Michel nicht sofort aus der U23 in den Profikader hochgezogen wird. Ein Spieler mit diesen Fähigkeiten muss zügig an höhere Aufgaben herangeführt werden. Bin ich der Einzige, der das so sieht?

Das Fundament für “Borussia 2020” steht. Der Rest ist die Aufgabe des Architekten.

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