Auge in Auge mit dem gelben Orkan

von Thorsten Cöhring am 6. Oktober 2013

Es war in der 19. Minute, als ich zu meinem Tribünennachbarn sagte: “Hoffentlich ist bald Halbzeit!” Dann war Halbzeit und ein etwa vierjähriger Knirps in grünem Kruse-Trikot analysierte das Match mit messerscharfem Fußballsachverstand: “Das ist ein blödes Spiel!” Noch etwas deutlicher wurde später im TV-Interview Lucien Favre: “Die erste Halbzeit war katastrophal!”

Wovon ist die Rede? Von einem höchst außergewöhnlichen Fußballspiel, das sich am gestrigen Samstag zwischen 15.30 und 17.20 im Mönchengladbacher Borussia-Park ereignete. Borussia Dortmund fegte wie ein Orkan durch den Park. Sie spielten, als gäbe es kein morgen mehr. Ich war sicher, dass ich in der Nacht darauf von Menschen in gelben Hemden träumen würde. Mindestens fünf Mann mehr hatten sie auf dem Platz als Borussia Mönchengladbach. Ich fluchte, weil offenbar niemand nachgezählt hatte. Sie spielten uns über weite Strecken an die Wand und Marco Reus präsentierte sich als kommender Weltfußballer des Jahres. Unsere Mannschaft war hoffnungslos unterlegen.

Und am Ende gewann Borussia Mönchengladbach mit 2:0. Durch Max Kruses Foulelfmeter (82.) und Raffaels Kontertor (86.). Warum wir gewannen, weiß keiner so genau.

Man kann dieses Spiel kaum vernünftig analysieren. Dortmund war in nahezu jeder Beziehung turmhoch überlegen, hatte Torchancen en masse, versiebte sie großzügig oder scheiterte am Gladbacher Weltklasse-Torhüter Marc-Andre ter Stegen. Borussia Mönchengladbach dagegen hatte drei Chancen und machte daraus zwei Tore – wie schon in Augsburg. Effizienz im Angriff, gepaart mit Glück und Können in einer aufopferungsvollen Verteidigungsschlacht der gesamten Mannschaft. Unser Team hat so gut gespielt, wie du gegen eine Mannschaft wie Dortmund in Topform nur spielen kannst. Dafür gebührt den Jungs ein Kompliment.

Deshalb machte dieses Spiel, wie auch das gestrige Abendspiel zwischen Leverkusen und München, eines auch dem letzten Zweifler deutlich: Wie beeindruckend, um nicht zu sagen: beängstigend, groß inzwischen der Leistungsunterschied zwischen den beiden Topteams München und Dortmund sowie dem Rest der Liga geworden ist. Wir haben drei Punkte geholt, Leverkusen einen – mit mehr Glück als Verstand. Wobei die spielerisch den Bayern klar unterlegenen  Leverkusener immer noch besser sind als alle anderen Bundesligisten.

Für 15 Bundesligamannschaften ist also Platz 4 das höchste der Gefühle. Sozusagen die “kleine Meisterschaft” der Durchschnittlichen. Wobei der Siebte oder Achte der Endabrechnung vermutlich näher an den Abstiegsplätzen als an der Champions League ist. Zum Vergleich: In der vergangenen Saison hatte der HSV als Siebter mit 48 Punkten 17 Zähler Rückstand auf den Dritten (Leverkusen) und 17 Zähler Vorsprung auf den Sechzehnten (Hoffenheim).

Wir sind weiterhin im grünen Bereich. Vor allem in dem von Hans Meyer entworfenen Tabellen-Hochrechnungsmodell. Es geht davon aus, dass eine Mannschaft alle Heimspiele gewinnt und alle  Auswärtsspiele verliert. Die Zielpunktzahl beträgt somit 51. Wir rangieren derzeit bei plus 1, also bei 52 Punkten. Damit kann ich prima leben.

Bitter ist allerdings die schwere Verletzung von Alvaro Dominguez. Ein Schlüsselbeinbruch mit Schultereckgelenksprengung ist fast so gravierend wie ein Kreuzbandriss. Die Prognose von “etwa zehn bis zwölf Wochen” Pause auf borussia.de ist aus meiner Sicht sehr optimistisch. Inclusive Rekonvaleszenz und Aufbautraining klingt das eher nach einem halben Jahr.

Zum Abschluss noch ein interessantes Zitat unseres Trainers Lucien Favre heute auf bild.de: “…Wir müssen viel intensiver trainieren. Spieler, die das Tempo nicht beherrschen, werden bei mir nicht mehr spielen.” Ich befürchte, dann bleiben nicht mehr viele übrig. Denn Spieltempo ist bei dieser Kaderzusammensetzung ganz sicher nicht unser Ding.

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