Das Geburtstagsgeschenk

von Thorsten Cöhring am 3. November 2013

Ich muss gestehen: Ich war schon gespannt darauf, welches Geschenk unsere Mannschaft ihrem Trainer Lucien Favre zu seinem gestrigen 56. Geburtstag machen würde. Das Rätsel wurde um 17.20 Uhr gelöst: Einen 2:0 (1:0)-Sieg beim Hamburger SV. Den ersten Auswärtssieg der Saison. Und dazu erstmals seit eineinhalb Jahren zwei Siege hintereinander in der Bundesliga. Ein passenderes Timing war in der Tat kaum denkbar. Fehlte nur noch das Schleifchen um das opulente Paket.

Allerdings entsprang der Sieg in der ausverkauften Imtech-Arena weniger der eigenen Stärke unserer Borussia als vielmehr der Indisponiertheit des Gegners. Beiden Toren durch Max Kruse (23. und 63.) gingen kapitale Schnitzer des HSV-Innenverteidigers Sobiech voraus. Auf der anderen Seite hatte Hamburg Pech bei zwei Aluminiumtreffern durch van der Vaart (47.) und Lasogga (75.).

Eigentlich war alles wie immer auf fremden Plätzen. Im Spiel nach vorn wirkte unsere Mannschaft schüchtern und zaghaft, nichts zu spüren von dem Selbstbewusstsein, das unser Team im heimischen Borussia-Park versprüht. Vorrangig sind wir um Ballbesitz bemüht, der aber leider gänzlich unproduktiv ist, so lange kein Zug zum gegnerischen Tor vorhanden ist.

Verbessert zeigte sich die Mannschaft im Spiel gegen den Ball, vor allem in der ersten Halbzeit. Möglicherweise haben die verletzungsbedingten Umstellungen in der Abwehr dazu beigetragen, dass die gesamte Mannschaft konzentrierter und konsequenter zu Werke geht. Auch die individuelle Fehlerquote war deutlich geringer als in den vergangenen Auswärtsspielen, stieg allerdings mit zunehmender Spieldauer wieder spürbar an. Insgesamt hattest du als Zuschauer dieses Matches stets das Gefühl, dass die Führung auf einem höchst wackeligen Fundament gebaut ist.

Aber wie dem auch sei: Es war kein Tag zum Nörgeln. Auch Siege durch “geschenkte” Tore muss man sich erst einmal erarbeiten. In diesem Sinne war der gestrige Erfolg sicher nicht der glanzvolle “Auswärts-Turnaround”, aber es war ein weiterer kleiner Schritt nach vorn. Mein persönliches Hinrundenziel von 20 Punkten ist fast erreicht. Und in der “Hans-Meyer-Tabelle” (alle Heimspiele gewinnen, alle Auswärtsspiele verlieren) rangieren wir jetzt sogar bei 55 Punkten (plus 4).

Übrigens scheint es mir an der Zeit, mal ein Wort über Max Kruse zu verlieren. Viele haben den Kopf geschüttelt, als ich am 23. März (“Personalüberlegungen”) über den seinerzeit ziemlich unbekannten Angreifer geschrieben habe: “Max Kruse ist ein sehr guter Transfer! Er hat sich in relativ kurzer Zeit enorm entwickelt. Mit seiner Schnelligkeit und seinem prima linken Fuß geht er fast als ‘Mini-Özil’ durch. Er wird uns zweifellos weiterbringen …”

Um ehrlich zu sein: Er hat meine Erwartungen sogar noch übertroffen. Dabei ist er kein “überragender” Spieler im klassischen Sinne, keiner der im Spiel großartig auffällt oder gar heraussticht. Sein Spiel ist anders. Es basiert einerseits auf seiner unglaublichen Körperbalance, die ihm Bewegungen und Rotationen ermöglicht, wie ich sie zuvor nur von Philipp Lahm und Lionel Messi kannte, und seiner Antizipationsfähigkeit. Andererseits verfügt er über einen feinen linken Fuß und ist kaltschnäuzig im Torabschluss.

Er ist genau die Schaltzentrale in der Offensive, die uns viele Jahre lang fehlte. Ich hoffe, wir werden noch länger als nur in dieser Saison unsere Freude an ihm haben. Aber sicher bin ich mir dessen nicht.

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