Hinrunden-Bilanz: Der Weg ist das Ziel

von Thorsten Cöhring am 2. Januar 2014

Borussia Mönchengladbach zählt zu den Clubs, für die der Weg das Ziel ist. Wer Titelgewinne feiern möchte, muss sich andernorts umsehen. Angesichts der massiv auseinander driftenden Kräfteverhältnisse in der Bundesliga zugunsten der finanzstarken Clubs (München, Dortmund, Leverkusen und Wolfsburg, mit Abstrichen Schalke und Hoffenheim), ist eine Deutsche Meisterschaft für Borussia auf Jahrzehnte hinaus praktisch unmöglich. Von internationalen Titeln inmitten der von Ölscheichs und anderen Multimilliardären dominierten europäischen Fußballwelt ganz zu schweigen. Einziger vager Hoffnungsschimmer bleibt der DFB-Pokalwettbewerb, zu dem unsere Borussia allerdings noch nie eine ernsthafte Liebesbeziehung unterhalten hat.

130831_borussia_parkWenn es also nicht die Titel sind, was treibt uns Anhänger der Fohlenelf überhaupt an? Es ist die Identifikation mit dem Verein und mit der Mannschaft. Wir feiern an jedem Spieltag, wohlwissend, dass wir nie auf dem obersten Podesttreppchen stehen werden. Wir feiern Siege unserer Mannschaft. Und wir feiern, wenn unser Team gut spielt.

Womit wir beim Thema wären. Unsere Mannschaft hat in der Hinrunde 2013/14 überwiegend gut, oft sehr gut, manchmal sogar exzellent gespielt. So gut jedenfalls wie nie in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Nicht einmal in der Sensations-Saison 2011/12 zeigte unsere Mannschaft einen derart ansprechenden Fußball. Mit Reus und Dante waren wir seinerzeit eine herausragende Kontermannschaft mit ungeheurer defensiver Stabilität, nicht mehr und nicht weniger. Die nackten Zahlen aus beiden Hinrunden sind fast identisch, aber unsere Art Fußball zu spielen hat sich grundlegend verändert.

2011/12:
Hinrunde: 4. Platz, 17 Spiele, 10 Siege, 3 Unentschieden, 4 Niederlagen, 25:11 Tore, 33 Punkte
Rückrunde: 6. Platz, 17 Spiele, 7 Siege, 6 Unentschieden, 4 Niederlagen, 24:13 Tore, 27 Punkte
Gesamt: 4. Platz, 34 Spiele, 17 Siege, 9 Unentschieden, 8 Niederlagen, 49:24 Tore, 60 Punkte

2013/14:
Hinrunde: 3. Platz, 17 Spiele, 10 Siege, 3 Unentschieden, 4 Niederlagen, 35:19 Tore, 33 Punkte
Rückrunde: ???
Gesamt: ???

Bevor ich in die Analyse gehe, muss ich zunächst Abbitte leisten. Ich habe vor einem Jahr bezweifelt, ob Lucien Favre der richtige Trainer ist, um unsere Mannschaft weiterzuentwickeln. Diese Einschätzung war falsch. Favre hat unsere Borussen fußballerisch beachtlich voran gebracht. Natürlich begünstigt durch erstklassige Spielertransfers von Manager Max Eberl im Sommer und durch die Tatsache, dass wir jetzt schon seit einigen Jahren von größerem Verletzungspech verschont geblieben sind (toi, toi, toi!). Oder genauer gesagt: Es waren stets nur Spieler verletzt, die wir adäquat ersetzen konnten. Zum Beispiel Alvaro Dominguez.

Zwei Momente gab es in dieser Saison, wo ich wirklich ernste Bedenken hatte: Nach dem verheerenden Saisoneinstieg mit der desaströsen Pokal-Leistung in Darmstadt und als plötzlich unsere Innenverteidiger gleichzeitig verletzt oder gesperrt ausfielen. Dass wir Letzteres kompensieren konnten, macht eines deutlich: Das Rückgrat der Mannschaft ist stabil. Dazu zähle ich Marc-Andre ter Stegen, Tony Jantschke, Martin Stranzl, Roel Brouwers, Juan Arango und Patrick Herrmann. Sie alle bringen seit zweieinhalb Jahren konstant ihre Leistung.

Hinzu kommen fünf Spieler, die unserem Spiel in den vergangenen vier Monaten den Stempel aufgedrückt haben. Drei Zugänge und zwei, die ich als “Aufsteiger des Jahres” bezeichnen würde. Diese fünf haben im Zusammenspiel mit den Etablierten unsere gravierenden Schwachstellen im Team beseitigt: Die Außenverteidigerpositionen, die spielerische Schwäche im zentralen defensiven Mittelfeld und das Vakuum im zentralen offensiven Mittelfeld.

Im Einzelnen:

  • Außenverteidiger: Einer der beiden Aufsteiger des Jahres ist Oscar Wendt. Im Spiel nach vorn war der Schwede schon immer stark. Aber jetzt kann er auch verteidigen. Sein defensives Stellungsspiel ist extrem verbessert und sein Zweikampfverhalten wird zunehmend verlässlicher. Inzwischen ist er einer meiner Lieblingsspieler. Auf der rechten Seite bringt Julian Korb wesentlich mehr Dynamik ins Spiel als zuvor Tony Jantschke. Der unfassbar vielseitige und zuverlässige Jantschke wiederum überzeugte auf der ganzen Linie als rechter Innenverteidiger. Dies erscheint mir als erfolgversprechendes Zukunftsmodell, zumal Korb sein Leistungsvermögen bei weitem noch nicht ausgeschöpft hat. An ihm dürften wir in den nächsten Jahren noch viel Freude haben.
  • Zentrales defensives Mittelfeld: Das ideale “Sechser-Pärchen” besteht aus einem lauf- und zweikampfstarken “abräumenden Sechser” und einem pass- und ballsicheren “strategischen Sechser”. Diese Kombination gibt es mittlerweile bei fast allen Top-Clubs und auch in der deutschen Nationalmannschaft (z.B. Khedira + Schweinsteiger). Mit Neuzugang Christoph Kramer (Abräumer) und Granit Xhaka (Stratege) haben wir ein erstklassiges Duo in unseren Reihen. Xhaka, zweiter “Aufsteiger des Jahres”, ist für mich unser bester Spieler der Hinrunde. Glänzend seine Technik, großartig sein Auge und seine Antizipation. Und sein großes Manko des Vorjahres, reihenweise Fehlpässe durch übergroße Hektik, hat er mittlerweile abgelegt. Der junge Schweizer hat eine rasante Entwicklung hingelegt, die ich ihm in dieser kurzen Zeit nicht zugetraut hätte.
  • Zentrales offensives Mittelfeld: Tja, was soll ich sagen. Viele Jahre lang war das bei uns quasi Niemandsland. In der vergangenen Saison hatte ich auf Amin Younes’ Durchbruch gehofft. Aber in diesem Jahr tummeln sich dort mit den Neuzugängen Max Kruse und Raffael gleich zwei Hochkaräter. Gemeinsam bringen beide 28 Scorer-Punkte (Tore und Vorlagen) aufs Hinrunden-Tableau. Wow! So können wir uns sogar den Luxus erlauben, seit einem halben Jahr praktisch ohne gelernten Stürmer zu spielen. Bemerkenswert.

Das oberste Saisonziel, der Klassenerhalt, ist erreicht. Und wer in der Bundesliga nicht gegen den Abstieg kämpft, der spielt automatisch um die Europapokalplätze. Platz sechs ist nicht unrealistisch, Platz vier wird sehr schwierig. Aber insgesamt ist ein Platz in der oberen Tabellenhälfte bereits ein toller Erfolg, denn noch vor drei Jahren schien der Abstieg unabwendbar. Dessen sollten wir uns, bei aller Träumerei, immer bewusst sein.

Begleiten werden uns in der Rückrunde diverse Personalfragen, denn Erfolg beim VfL Borussia weckt bekanntlich Begehrlichkeiten bei den Millionarios dieser Fußballwelt. Marc-Andre ter Stegen strebt offensichtlich nach höheren Weihen. Seine Ablöse sollte es uns allerdings ermöglichen, einen adäquaten Nachfolger zu verpflichten. Diese Personalie wirft uns nicht zurück. Aus Dortmunder Insider-Kreisen wird pausenlos kolportiert, dass Max Kruse im Sommer als Lewandowski-Ersatz eingekauft werden soll. Und Granit Xhaka wird spätestens nach der WM bei etlichen Top-Clubs auf der Einkaufsliste stehen.

Zu Juan Arango fällt mir nur ein Satz von Otto Rehhagel ein: “Es gibt keine jungen und alten Spieler. Es gibt nur gute und schlechte Spieler.” Arango ist ein richtig guter – wenn wir mit ihm nicht mindestens ein Jahr verlängern, ist uns nicht mehr zu helfen. Luuk de Jong wäre vermutlich in anderen Teams für 20 Tore pro Saison gut. In das System von Favre passt er allerdings überhaupt nicht. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Von daher hat er keine Zukunft bei Borussia.

Wie dem auch sei: Nach der Hinrunde der laufenden Saison kann ich unsere Mannschaft mit dem höchsten Prädikat auszeichnen, das ich unter der Maßgabe “Der Weg ist das Ziel” zu vergeben habe:

Borussia Mönchengladbach macht Spaß!

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