Spannende Phase

von Thorsten Cöhring am 23. Februar 2014

Als der seltsam leitende Schiedsrichter Stieler die zweite Halbzeit des Spiels gegen 1899 Hoffenheim anpfiff, sagte ich zu meinem Tribünennachbarn: “Wenn Hoffenheim das Anschlusstor macht, endet das Spiel 2:2.” Und genau so kam es. Borussia Mönchengladbach ist ein offenes Buch.

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Der Star sind die Fans: Super Choreo!

Dieses Spiel vor 49.000 Zuschauern im Borussia-Park beinhaltete alles, was unsere Mannschaft in dieser Saison ausmacht. 30 Minuten lang begeisterte Borussia mit hervorragendem Fußball. Patrick Herrmanns sehenswerter Volley-Heber nach missglücktem Klärungsversuch von Gästekeeper Casteels führte zum frühen 1:0 (4.). In der 18. Minute vollendete Tony Jantschke per Kopfball zum 2:0, als Stranzl eine Raffael-Ecke per Kopf verlängert hatte. Wenig später war erneut Herrmann frei durch, doch seinen Linksschuss grätschte Süle von der Linie. Und Hrgotas Schlenzer ins lange Eck drehte Casteels gerade noch um den Pfosten. Das Spiel hätte nach einer halben Stunde bereits entschieden sein können.

War es aber nicht. Denn danach übernahm Hoffenheim das Kommando. Allerdings hatte unsere Elf weitere hochkarätige Torchancen (Kramer, Stranzl, Korb), die allesamt ungenutzt blieben. Stattdessen: Beim Hoffenheimer 2:1 durch Firmino befand sich unsere gesamte linke Abwehrseite im Tiefschlaf, so dass der Brasilianer den Ball aus kurzer Distanz ins Netz spitzeln konnte (56.). Und schließlich mündete ein Missverständnis zwischen Stranzl und ter Stegen in einem grotesken Foul an Johnson auf der Torauslinie (!). Salihovic verwandelte den Elfmeter zum 2:2-Endstand (82.). Und wenn Trainer Favre nicht unmittelbar darauf defensiv gewechselt hätte (Nordtveit für den enttäuschenden Raffael), hätten wir die Partie womöglich sogar noch verloren.

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Randale im Gästeblock: Ein Dutzend Pöbler aus Hoffenheim halten Ordner und Polizisten auf Trab.

Was ich meine: Borussia anno 2013/14 kann phasenweise extrem gut Fußball spielen. Aber die Mannschaft kann auch von einer Sekunde auf die andere völlig den Faden verlieren. Sie agiert dann ängstlich und produziert einfachste Fehler am Fließband. Wir haben viele talentierte Spieler. Aber mannschaftlich und mentalitätsmäßig sind wir noch nicht so weit. Vor allem der Rhythmuswechsel, bezogen auf den Spielstand (Rückstand oder Führung), fällt uns enorm schwer. Es ist die Aufgabe des Trainers, daran zu arbeiten. Die Mannschaft weiß zu bestimmen Zeitpunkten nicht mehr, was sie tun soll und verfällt deswegen nahezu in Apathie. Aber mal ehrlich: Wir waren gegen Bremen und Hoffenheim anfangs deutlich mutiger als in den Wochen zuvor. Das ist ein qualitativer Fortschritt! Dass unser Team dann irgendwann während des Matches Angst vor der eigenen Courage bekommt – das müssen wir überwinden.

Was die Erwartungshaltung angeht, haben sich einfach zu viele durch die Heimbilanz der Hinrunde blenden lassen. Und genau diese Fehleinschätzung ist jetzt die Basis für die zum Teil völlig überzogene Kritik an der Mannschaft. Im Gegenteil: Da wir aktuell keine Abstiegssorgen haben, finde ich diese Saison unheimlich spannend. Weil ich gerade merke, dass sich in der Mannschaft etwas tut. Auch wenn die Ergebnisse es noch nicht wiederspiegeln.

Zwei personelle Erkenntnisse des gestrigen Spiels: Max Kruse zeigt klar aufsteigende Form und Branimir Hrgota ist längst noch nicht so weit, um Juan Arango gleichwertig zu ersetzen.

Fakt ist: Wir sind seit sieben Spielen sieglos. Der Vorsprung auf die Konkurrenz im Kampf um Platz 6 ist dahin. Bei der nächsten Niederlage werden wir tabellarisch nach unten durchgereicht. Auf der anderen Seite: Wir haben alle drei direkten Mitbewerber noch zu Hause im Park (Augsburg, Hertha, Mainz). Dann wird sich zeigen, was wir in dieser Saison wirklich drauf haben.

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