Wo ist das Problem?

von Thorsten Cöhring am 9. Februar 2014

Ob Trainer Lucien Favre nach der 0:1-Niederlage gegen Leverkusen wirklich mit seinem Rücktritt kokettiert hat, oder ob es sich um ein bedauerliches sprachliches Missverständnis gehandelt hat, sei mal dahingestellt. Fest steht, dass ich die ganze Aufregung nicht verstehe. Und noch unverständlicher ist für mich, dass es Favre in dieser Situation offenbar an Mut und Entschlossenheit fehlt.

Machen wir uns eines klar: Das übergeordnete Saisonziel, der Klassenerhalt, ist de facto längst erreicht. Die Qualifikation zur Champions League wird nicht gelingen, denn Schalke und Wolfsburg sind auf die gesamte Saison gesehen einfach besser als wir, da beißt keine Maus einen Faden ab. Ob die Teilnahme an der Europa League wünschenswert ist, ist nach den Erfahrungen der Vorsaison und den Erfahrungen der diesjährigen Teilnehmer (Frankfurt und Freiburg) zumindest zweifelhaft. Borussia Mönchengladbach zählt nicht zu den Mannschaften, die eine hohe Beanspruchung und Intensität im Spielrhythmus so einfach wegstecken können. Dazu fehlt es an der Breite im Kader. Rotation ist nicht. Schön wäre die Europa League nur für uns Fans…

Was heißt das nun?

Favre findet in den kommenden drei Monaten und den restlichen 14 Saisonspielen eine sehr komfortable Situation vor. Er hat nichts zu verlieren. Selbst wenn wir in der Rückrunde nur 10 Punkte holen, werden wir um wahrscheinlich irgendwo um Platz 10 einlaufen. Ergebnisfußball war für uns in den all den Jahren vor Favre relevant, als wir in jedem Jahr von der Abstiegsangst getrieben wurden. Da mussten Siege her, egal wie. Keiner hat sich dafür interessiert, WIE wir spielen.

Das ist heute anders. Der Schweizer hat Borussia Mönchengladbach in den vergangenen drei Jahren weiterentwickelt, keine Frage. Unsere Mannschaft ist technisch und läuferisch besser und hat vor allem taktisch enorm viel dazugelernt. Die gute Organisation innerhalb des Teams macht es uns möglich, auch Rückschläge zu wegzustecken. Und manchmal haben wir in der Hinrunde auch richtig ansehnlich Fußball gespielt, vor allem zu Hause. So weit, so gut.

Leider aber, und das schreibe ich hier nicht zum ersten Mal, sind wir momentan in einer Sackgasse angelangt. Wir müssen zurücksetzen und irgendwohin abbiegen. Unser Spiel ist dermaßen eindimensonal und statisch (sturer Ballbesitz ohne Druck auf das gegnerische Tor), dass sich inzwischen praktisch jede Mannschaft darauf einstellen konnte. Mit ganz einfachen Mitteln sind wir zu besiegen, das haben Hannover und Leverkusen gezeigt. Es würde mich nicht wundern, wenn es am kommenden Wochenende auch den völlig verunsicherten Bremern gelingt.

Wir sollten uns deshalb den Ursachen der “Leistungsdelle” (Hans Meyer) aus drei Blickwinkeln nähern:

SYSTEM: Der systemische Standard ist da. Es ist ein klares 4-4-2 italienischer Prägung, also stark defensiv ausgerichtet. Gerät unsere Mannschaft allerdings in Rückstand, kommt sie aus diesem Korsett nicht mehr heraus. Sie ist nicht in der Lage, den Druck zu erhöhen. Zumal einige probate taktische Mittel, wie zum Beispiel hohe Flanken, bei uns nahezu völlig abgeschafft worden sind. Dass es dennoch ein Mittel sein könnte, hat Mlapas Tor in Hannover bewiesen. Wir brauchen mehr Mut zur Variation.

MENTALITÄT: Darüber hinaus ist augenfällig: Wenn ein Spieler bei uns die Wahl zwischen einem sicheren Rückpass und einem unsicheren Offensivpass hat, dann wählt er den Rückpass. Immer. Auch in der erfolgreichen Hinrunde. Und sogar in der Nachspielzeit gegen Leverkusen. Dieses schon beinahe ideologische Sicherheitsdenken müssen wir überwinden. Der Trainer muss den Spielern die Chance geben, die mentalen Fesseln abzulegen.

SPIELER: Nicht zuletzt muss es darum gehen, einzelne Spieler zu entwickeln. Paradebeispiel ist für mich Granit Xhaka. Warum spielt er in der schweizerischen Nationalmannschaft viel besser als bei uns? Weil er offensiver ausgerichtet ist. Er taucht in der Bundesliga selten am gegnerischen Strafraum auf, strahlt überhaupt keine Torgefahr aus. Aus meiner Sicht wird sein Potenzial an dieser Stelle komplett verschenkt.

Lucien Favre hat drei Monate Zeit, um daran zu arbeiten. Zu verlieren hat er in dieser Saison nichts. Und wenn sich deutliche Schwachstellen im Team herausstellen, kann Max Eberl den Sommer nutzen, um sie mit entsprechenden gezielten Transfers auszumerzen.

Also, wo ist das Problem? Let’s start! Den Mutigen gehört die Zukunft!