Eine Viertelstunde “Samba do Borussia”

von Thorsten Cöhring am 23. März 2014

Es war in vielerlei Beziehung ein bemerkenswertes Spiel, dieser 3:0 (3:0)-Sieg über Hertha BSC gestern Abend vor 53.000 Zuschauern im Borussia-Park. Nicht nur deshalb, weil es lange her ist, seit wir einen derart hochverdienten, souveränen und ungefährdeten Erfolg eingefahren haben. Wenn ich mich recht entsinne, dann war das zuletzt vor etwa vier Monaten in Stuttgart der Fall (“Pizza statt Wurstebrei“).

So sehen Matchwinner aus: Juan Arango (links) und Raffael.

Es begann schon ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich. Denn die Mannschaft mit dem zweithöchsten Ballbesitzanteil (hinter Bayern München) in der Bundesliga, nämlich unsere Borussia, überließ den Gästen in der ersten halben Stunde fast komplett das Feld und die Initiative. Abwarten, gut stehen, keine Lücke bieten. Ein überraschendes taktisches Rezept, aber gegen die fünftbeste Auswärtsmannschaft der Liga vielleicht kein schlechtes. Abzulesen auch an der Startelf, in der Jantschke auf der “Sechs” den Vorzug vor Xhaka erhielt. Das Konzept funktionierte auch recht gut, wenngleich Daems auf der linken Absehrseite anfangs mit dem unberechenbaren Allagui mehr Mühe hatte, als ihm lieb war. Beide Mannschaften ließen je eine 100-prozentige Torchance aus: Kruse vergab nach Vorarbeit Herrmann freistehend für Borussia (5.), eine fast identische Situation ließ auf der anderen Seite Ben-Hatira ungenutzt (20.).

So ging es bis zur 28. Minute. Dann läutete Stranzl mit einem feinen Steilpass auf Herrmann ein viertelstündiges Fußball-Feuerwerk ein, mit dem zu diesem Zeitpunkt niemand rechnen konnte. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug es bei den Berlinern ein. So ähnlich wie kurz vor Weihnachten gegen Wolfsburg (“Bescherung“).

In jener 28. Minute lupfte Herrmann den Ball quer auf Arango und der traf mit Dropkick zum 1:0. Ein technisch solch anspruchsvolles Tor können in der Bundesliga nicht viele Spieler erzielen. Um genau zu sein: Ich kenne keinen außer Arango. Schade, dass er keinen neuen Vertrag bekommt. Es wird uns vielleicht noch einmal leid tun. Und weil er gerade so gut drauf war, schlenzte Arango in der 32. Minute mit viel Gefühl einen Freistoß Richtung Tor, Kruses Kopfball fand den Kopf des Herthaners Ramos und von dort sprang er unhaltbar zum 2:0 ins Netz. Höhepunkt dieser ebenso mitreißenden wie faszinierenden Viertelstunde war die 40. Minute, als nach Stranzls öffnendem Pass Raffael und Kruse einen doppelten Doppelpass spielten und Raffael im Stile eines Könners aus vollem Lauf zum 3:0 einschob.

Fünf Minuten später, in der Halbzeitpause, twitterte ich den Satz: “Borussia spielt eine Viertelstunde lang brasilianischer als jedes brasilianische Team”. Samba do Borussia.

Bemerkenswert war auch die zweite Halbzeit. Denn es passierte – nichts! Gar nichts. Unsere Mannschaft verwaltete den klaren Sieg sicher nach Hause. Tatkräftig unterstützt von den Berlinern, die keinerlei Ambitionen erkennen ließen, am Spielstand noch etwas verändern zu wollen.

Was bleibt als Erkenntnis aus dieser Partie des 26. Spieltages?

  1. Wir haben im Kampf um die Europapokal-Plätze drei lebenswichtige Punkte eingefahren und sind weiter gut im Geschäft. Allerdings haben wir in den verbleibenden acht Begegnungen nur noch drei Mal Heimrecht. Die entscheidenden Punkte müssen wir also vorrangig auswärts holen.
  2. Ich bin echt manchmal total perplex, wie hochklassig unsere Mannschaft Fußball spielen kann! Zwar nur phasenweise, aber immerhin. Ich habe eine solche Spielkultur, wie in diesen magischen Momenten, seit Jahrzehnten bei meiner Borussia nicht gesehen. Und mein Herz schlägt immerhin schon seit fast einem halben Jahrhundert für diesen Club.
  3. Mir scheint, dass mein Eindruck richtig war: Selbst in der Misserfolgsphase, als die Mannschaft von allen Seiten scharf kritisiert wurde, habe ich das Team so schlecht nicht gesehen; meistens jedenfalls. Insofern freut es mich für die Jungs, dass sie die Kurve jetzt möglicherweise gekriegt haben.

Warten wir den Mittwoch in Frankfurt ab. Dann sehen wir weiter.

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