Und täglich grüßt das Murmeltier

von Thorsten Cöhring am 9. März 2014

In diesem Film wacht der Hauptdarsteller jeden Morgen zur gleichen Zeit auf und die Ereignisse des Vortages wiederholen sich in immer der gleichen Reihenfolge. So ähnlich komme ich mir in diesen Tagen als Fan von Borussia Mönchengladbach vor. Die gestrige 1:2 (1:1)-Heimniederlage gegen den FC Augsburg war nahezu eine perfekte Kopie des Heimspiels gegen Hoffenheim vor zwei Wochen.

Unsere Mannschaft begann wie die Feuerwehr, ging durch Raffaels satten 20-Meter-Schuss früh in Führung (5.) und hatte in der Folge erstklassige Torchancen am Fließband. Kruse (10.), Jantschke (23.), Raffael (24.) und nochmals Kruse (30.) hätten bereits in der ersten halben Stunde dieses Spiel leicht und locker entscheiden können.

Und dann?

Dann lief von einer Sekunde auf die andere gar nichts mehr. Nothing, nada, niente, rien. Augsburg kam durch Altintop zum Ausgleich (35.) und die Gäste beherrschten von diesem Zeitpunkt an das Spiel durch ihre Laufstärke und Passsicherheit nach Belieben. Mit Seelenruhe und Geduld warteten die dominanten Schwaben auf den richtigen Moment, um das Spiel zu entscheiden. Das war in der 81. Minute der Fall, als sich unsere Mannschaft klassisch auskontern ließ und Werner zum 1:2-Siegtor einschoss.

Ab der 30. Minute fand Borussia Mönchengladbach nicht mehr statt. Genau wie vor 14 Tagen gegen Hoffenheim. Und leicht variiert in Bremen und Braunschweig. Die Frage ist: Warum ist das so? Und die noch interessantere Frage: Wieso wiederholt sich das ständig nach dem gleichen Strickmuster? Und die interessanteste aller Fragen: Wie kann man das abstellen?

Borussia Mönchengladbach im Frühjahr 2014 hat keine “Leistungsdelle”. Auch keine “Krise”. Nicht mal eine “Ergebniskrise”. Die WDR-Hörfunkreporterin sagte später in ihrer Analyse, die Mannschaft sei “leblos”. Auch das stimmt nicht. Leblose Mannschaften erspielen sich keinen Sack voller Torchancen. Nein, unsere Mannschaft ist weder in der Krise noch leblos.

Sie ist hilflos.

Sie kann sich aus bestimmten Situationen nicht befreien. Irgendwann während eines Spiels macht es “Klick” und es stellt sich eine Art Schockstarre ein. Ich kann mich gut an eine Szene in der zweiten Halbzeit des gestrigen Spiels erinnern, als Stranzl mit dem Ball am Fuß plötzlich überhaupt nicht mehr wusste, was er tun sollte. Keiner, aber auch wirklich KEIN SPIELER, im weißen Trikot hat sich in diesem Moment bewegt. Alle standen. Ein Bild wie eingefroren. Totaler Freeze. Screenshot.

Dann wieder Momente, wo man das Gehirn der Spieler förmlich auf der Tribüne rattern hört: “Wo soll ich jetzt hinlaufen? Wen spiele ich an? Oh Gott, was passiert, wenn ich jetzt angespielt werde? Werden die Leute pfeifen? Lande ich beim nächsten Spiel auf der Tribüne?” Ein giftiger Cocktail aus Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit, der das letzte Fünkchen Selbstvertrauen ausknipst und letztlich zu totaler Apathie führt.

Eines steht jedoch fest: Der Wille bei der Mannschaft ist da. Das zeigt sich meist zu Spielbeginn. Sie ist nicht leblos. Und wenn man fast ein halbes Jahrhundert lang Anhänger von Borussia Mönchengladbach ist, dann weiß man, was leblose Mannschaften sind.

Jemand muss dem Team helfen. Es müssen Impulse von außen kommen. Ich weiß, Kritik an Trainer Lucien Favre ist in unserem Verein und dem größten Teil seiner Anhängerschaft nicht wohl gelitten. Er steht unter Denkmalschutz. Gleichwohl erlaube ich mir den Einwurf, dass aus meiner Sicht unser starrer “Systemfußball” ein grundlegendes Problem ist. Um das erfolgreich Durchzuziehen, brauchst du Spieler wie München, Barcelona oder Madrid. Die haben wir nicht. Weder in puncto Schnelligkeit noch in puncto Technik. Den Gegner müde spielen, um dann eiskalt zuzuschlagen – das können wir nicht. Da stoßen wir an qualitative Grenzen.

Defensive Ordnung und Disziplin sind Grundtugenden des Mannschaftsspiels. Damit kannst du im Abstiegskampf bestehen. Aber um mehr zu erreichen, brauchst du Spielwitz, Esprit, Mut und Risikobereitschaft. Und einen organischen Rhythmus. Laufbereitschaft. Spaß am Spiel. Leidenschaft. Das habe ich gestern beim FC Augsburg gesehen. Selbst, und das ist entscheidend, nach dem Rückstand. Unser Team hingegen kann mit Rückschlägen nicht umgehen. Also, woher soll die Mannschaft die Fähigkeit nehmen, bestimmte Krisensituationen während eines Matches zu meistern? Die Frage mag jeder für sich selbst beantworten…

Inzwischen sind wir seit neun Spielen sieglos, unmittelbar davor waren wir acht Spiele lang ungeschlagen. In der Summe der Saison stehen wir inzwischen auch tabellerarisch dort, wo wir leistungsmäßig hingehören. Ich habe an dieser Stelle schon mehrfach gesagt, dass ich froh bin, dass ich mir seit Weihnachten um den Klassenerhalt keine Sorgen mehr machen muss. Und das ist gut so. Denn so kann ich einigermaßen entspannt abwarten, ob unsere Mannschaft nochmal die Kurve Richtung Europa kriegt. Oder ob wir schlimmstenfalls der 1. FC Nürnberg der Rückrunde werden.

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: