Unverhofft kommt nicht oft – aber manchmal

von Thorsten Cöhring am 16. März 2014

Eigentlich wollte ich mir das Spiel ersparen. Die ganze Woche über suchte ich nach einem Vorwand, um die Auswärtspartie bei Borussia Dortmund nicht sehen zu müssen. Fündig wurde ich schließlich im Keller: der Hochdruckreiniger. Mit ihm wollte ich am Samstagnachmittag meine Terrasse auf Vordermann bringen. Doch das stürmische Wetter machte mir einen Strich durch die Rechnung. Künstlerpech, keine weitere Ausrede in petto. Also hockte ich mich um 15.30 Uhr vor den Fernseher, in Erwartung einer 90-minütigen Selbstkasteiung.

Knapp zwei Stunden später, um ziemlich genau 17.25 Uhr, war ich glücklich über die Wetterfügung und mit den Nerven am Ende. 1:2 (0:2)-Auswärtssieg in Dortmund! Der erste Dreier seit mehr als drei Monaten! Irgendwie wusste ich schon gar nicht mehr, wie sich “Gewinnen” anfühlt. Ja doch, ich muss zugeben: es fühlt sich gut an. Selbst unter der Maßgabe, dass bei Dortmund mit Reus (verletzt) und Mkhitaryan (gesperrt) zwei Schlüssel-Angriffsspieler nicht dabei waren, war ich doch sehr überrascht, wie gut wir die “falsche Borussia” von Beginn an unter Kontrolle hatten. Das war im Hinspiel, als wir aus unerfindlichen Gründen 2:0 gewannen, noch ganz anders gewesen.

Und vor allem hatten wir neben einem herausragenden Keeper ter Stegen diesmal auch das nötige Quentchen Glück. Wenige Sekunden nachdem Aubameyang die Kugel aus 16 Metern an die Latte geknallt hatte, verwertete Raffael eine flache Hereingabe von Herrmann artistisch in Rücklage zum 0:1 (31.). Sah lustig aus, war aber technisch hoch anspruchsvoll. Zehn Minuten später war ich dann vollends aus dem Häuschen. Nicht nur wegen der grandiosen Körpertäuschung von Kruse, mit der er sich die Bahn für sein Tor zum 0:2 frei machte (40.), sondern vor allem, dass er für seinen immensen Aufwand in den vergangenen Spielen endlich belohnt wurde. Denn ich habe Kruses Leistung in den letzten Wochen bei weitem nicht so kritisch gesehen, wie der Großteil der veröffentlichten Meinung. In der ersten Halbzeit gegen Augsburg war beispielsweise für mich unser bester Akteur. Aber in Zeiten des Misserfolgs stehen Spieler, die mutig sind und mit enorm hohem Risiko spielen, gewöhnlich immer als erste am Pranger.

Mulmig war mir dennoch zur Pause, weil “Führung verspielen” ja neuerdings unser beliebtestes Hobby ist. Zur Beruhigung trug nicht bei, dass wir unsere Konterchancen in der ersten Viertelstunde der zweiten Halbzeit sträflich inkonsequent ausspielten, und dass Herrmann, nach klasse Vorarbeit von Kruse, den Ball per Direktabnahme knapp über die Latte jagte (60.). Als dann noch Nordtveit in der 69. Minute eine selten dämliche Gelb-Rote Karte kassierte, begann mein langer Marsch durch das Wohnzimmer. Auf und ab, auf und ab, immer den Fernseher im Blick. Mindestens aus dem Augenwinkel.

Denn jetzt kam sie, die nicht mehr abzuwendende Abwehrschlacht. Nach dem Dortmunder Anschlusstor durch Jojics abgefälschten Weitschuss (77.), erwartete ich in den Schlussminuten jederzeit den Ausgleich. So war ich es gewohnt aus den vergangenenen Wochen. Aber der 15. März 2014 war kein Murmeltiertag. Mit Glück, Geschick, großem Einsatz und einem überragenden ter Stegen hielten wir den 2:1-Sieg fest.

Welche Erkenntnis hat dieses Spiel gebracht?

Vor allen Dingen eine: Borussia lebt! Die Mannschaft ist nicht leblos oder schicksalsergeben. Sie kämpft, sie wehrt sich. Das ist gut und macht Hoffnung. Kramer zeigte seine beste Leistung seit vielen Monaten, Kruse ist auf dem Weg zur alten Selbstsicherheit, Herrmann ist bemüht, aber im Abschluss (noch) glücklos, Arango ist ein stabilisierendes Element, Raffael ist immer für ein Tor gut. Und im Defensivverhalten machte unsere Mannschaft erheblich weniger Fehler als zuletzt. Zwar immer noch zu viele – aber vielleicht wird es ja nach diesem Spiel stetig ein kleines bisschen besser.

Ob unsere Borussia wieder die Stabilität der Hinrunde erreicht, wird sich bereits am kommenden Wochenende gegen Hertha BSC zeigen. Der nächste Härtetest gegen einen direkten Konkurrenten. Wenn die Mannschaft in die Europa League will, muss sie dieses Spiel um jeden Preis gewinnen.