Kleiner “Big Point”

von Thorsten Cöhring am 6. April 2014

Weshalb der 1. FC Nürnberg nach 29 Spielen an vorletzter Stelle der Bundesligatabelle rangiert, versteht kein Mensch. In der Hinrunde war der “Club” die zweitbeste Mannschaft (nach Dortmund), die ich im Borussia-Park gesehen habe. Und gestern war er uns in der Noris fußballerisch erneut mindestens ebenbürtig. Aber wir haben 2:0 (1:0) gewonnen. Und das zählt. Der 4. Platz fünf Spieltage vor Saisonende ist wieder eine schöne Momentaufnahme. Aber wir sollten uns angesichts des schweren Restprogramms hüten, jetzt die Erwartungshaltung wieder Richtung Champions League zu richten. In dieser Saison ist dieses Ziel nicht realistisch.


Der abgefälschte Freistoß von Arango senkt sich unhaltbar für Nürnbergs Torhüter Schäfer zum 0:1 ins Netz.

Dass dieser extrem wichtige Auswärtssieg kein waschechter “Big Point” wurde, dafür sorgte leider der Deutsche Meister. Bayern München trat zur gleichen Zeit das Fairplay mit Füßen und schenkte dem FC Augsburg, einem unserer direkten Konkurrenten im Kampf um die Europapokalplätze, quasi kampflos drei Punkte. Ganz bitter. Eine dunkle Stunde für den deutschen Fußball. Aber nicht zu ändern. Und: Wir haben es weiter selbst in der Hand.

In Nürnberg servierte unsere Mannschaft ihre Stärken und Schwächen einmal mehr dem Betrachter auf dem Silbertablett. Gute Staffelung, aber viele der Hektik und Unsicherheit geschuldete individuelle Fehler im Defensivverhalten; zeitweise hervorragendes offensives Kombinationsspiel und eine Chancenauswertung, die gestern zur Abwechslung mal wieder jenseits von Gut und Böse anzusiedeln war.

Bereits in der Anfangsphase hätte Herrmann freistehend das 0:1 machen können, aber er scheiterte aus Nahdistanz an Schäfer. In der 18. Minute die Führung durch Arango, dessen abgefälschter Freistoß sich unhaltbar ins Netz senkte. Nürnberg dominierte in der ersten Halbzeit und viel Glück hatten wir in der 35. Minute, als zunächst Drmic an die Latte köpfte und Balitsch im Nachschuss dem auf dem Boden sitzenden ter Stegen den Ball genau in die Arme schob.

In der zweiten Halbzeit erlahmte die Nürnberger Offensive zusehends und unsere Mannschaft hatte Konterchancen en masse, vor allem durch Kruse, der ein sehr gutes Spiel machte, aber im Abschluss die Seuche am Fuß hatte. Er allein hätte eine Handvoll Buden machen können (51., 55., 62., 70.). Als Kruse in der 72. Minute zu allem Überfluss auch noch den Pfosten traf und Raffael ebenfalls freistehend vor dem Tor vergab (76.), hätte ich jede Wette angenommen, dass das Spiel so endet wie neulich nach ähnlichem Spielverlauf in Bremen – nämlich 1:1.

Schließlich bewahrte mich ein Elfmeter vor dem Tobsuchtsanfall. In den Medien wurde der Pfiff allerorten als fragwürdig dargestellt. Als Kruse in den Strafraum eindrang und von Frantz zu Fall gebracht wurde, habe ich in der normalen Geschwindigkeit spontan gesagt: “Elfmeter!”. Diese Einschätzung konnte durch keine einzige TV-Zeitlupenperspektive widerlegt werden. Wenn ich bedenke, wie viele fragwürdige Elfmeter in dieser Saison bereits gegen uns verhängt wurden, dann war dieser sogar ziemlich eindeutig.

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet Frantz verursachte den Elfmeter, der in der vergangenen Saison mit einer Elfmeter-“Schwalbe” die Gladbacher Niederlage eingeläutet hatte. Wie dem auch sei: Es spricht für Kruse, dass er das Selbstvertrauen besaß, nach so vielen Misserfolgserlebnissen an diesem Tag den Elfer selbst zum 0:2-Endstand zu verwandeln (79.).

Sieg, Deckel drauf. Jetzt ist nicht mehr die Zeit für Schönheitspreise.

Es wird von Woche zu Woche wahrscheinlicher, dass 54 Punkte für Platz 6 reichen werden. Heißt für uns: Noch zwei Siege. Und das heißt: Gegen Stuttgart am Samstag muss ein Dreier her. Um jeden Preis. In dieser Saisonphase ist pure Willensstärke gefragt – wie jüngst gegen den HSV. Du musst den Erfolg notfalls erzwingen. Also Jungs, erhaltet euch und uns die Chance auf eine neue Europatour!