Was ist dieser Punkt wert?

von Thorsten Cöhring am 13. April 2014

Mit dem Sieg in Nürnberg am vergangenen Samstag hatte Borussia Mönchengladbach die Tür nach Europa weit aufgestoßen. Statt hindurchzugehen, hat unsere Mannschaft die Tür gestern vorerst wieder zugeschlagen. 1:1 (0:1) hieß es nach 90 Minuten gegen einen unserer Lieblings-Heimspiel-Angstgegner, den VfB Stuttgart.

Jubel über den späten Ausgleich durch Arango.

Das Wort schmeichelhaft für diesen Punktgewinn ist freilich maßlos untertrieben. Er war ganz und gar unverdient. Bereits nach der ersten Halbzeit hätte die schlechteste Mannschaft der Rückrunde (8 Punkte) locker mit drei, vier Toren Vorsprung führen können. Derart desolat habe ich meine Mannschaft lange nicht mehr erlebt: Unkonzentriert, mit unbegreiflichen Ballverlusten im Spielaufbau, bot Borussia dem biederen Gegner den Nährboden für schnelles Konterspiel.

Ähnlich schlecht war höchstens das Spiel gegen Leverkusen Anfang Februar. Lediglich dem überragenden Torhüter ter Stegen war es zu verdanken, dass unsere Mannschaft zur Pause überhaupt noch im Spiel war. Teilweise war das ziemlich gruselig mitanzusehen. Vor allem unsere beiden Sechser, Nordtveit und Kramer, hatten einen rabenschwarzen Tag erwischt.

Um ehrlich zu sein: Ich war über die Leistung nach 45 Minuten noch nicht einmal verärgert. Ich war enttäuscht. Restlos enttäuscht. “Wir haben noch fünf Endspiele”, hatte ich im Vorfeld gelesen. Geht man so in ein Endspiel? Ohne Emotion, ohne Leidenschaft, ohne Siegeswillen? Dann gute Nacht, Marie!

In der zweiten Halbzeit wurde unser Spiel immerhin defensiv erheblich besser. Dadurch traten allerdings die Offensivmängel noch deutlicher zu Tage. Nicht immer, aber immer öfter, wird ein grundsätzliches Manko in unserem Kader unübersehbar: Wir haben keinen Strafraumstürmer. Einen echten Wühler und Knipser, so wie ihn die Bundesliga-Spitzenteams haben (Mandzukic, Lewandowski, Huntelaar). Der Nürnberger Drmic würde uns gut zu Gesicht stehen, aber ich glaube nicht, dass wir eine Chance auf seine Verpflichtung haben.

Dass es am Ende immerhin noch ein Punkt wurde, ist allein glücklichen Umständen zuzuschreiben. Traore, der ja angeblich in der kommenden Saison bei uns spielt, traf mit einem tollen Freistoß wenige Minuten vor Schluss für die Gäste nur die Latte – es wäre die Entscheidung gewesen. Stattdessen sorgte Arango, der eine Hrgota-Flanke mit dem Kopf ins lange Eck zirkelte, in der 89. Minute für das 1:1. Eigentlich erstaunlich, dass unser mit weitem Abstand bester offensiver Kopfballspieler derart lange auf ein Kopfballtor warten musste. Oder auch wieder nicht, denn er kann ja schlecht seine eigenen Flanken selbst einköpfen…

Eine Borussia ohne Juan Arango mag ich mir übrigens gar nicht vorstellen. Er ist das Rückgrat der Mannschaft. Fußballerisch und mental. Sein Weggang wird uns spürbar schwächen.

Okay, ein Punkt also im vorletzten Heimspiel. Besser als keiner. Was er wert ist, wird sich am Saisonende zeigen. Fest steht, dass die Mannschaft jetzt noch auswärts punkten muss, wenn sie in der nächsten Saison im Europacup spielen will. 53 Punkte sind das Minimum für Platz 7. Jetzt geht es nach Freiburg, eine Woche später nach Schalke. Mit einer Leistung und einer Einstellung wie gegen Stuttgart gewinnst du dort keinen Blumentopf.

Eines muss ich an dieser Stelle allerdings zum wiederholten Male herausstellen: Ein Platz unter den Top 8 dieser Saison ist uns nach Lage der Dinge praktisch nicht mehr zu nehmen. Und allein das ist aus meiner Sicht schon ein Riesenerfolg. Insofern habe ich Verständnis für den etwas zynischen Spruch von Trainer Lucien Favre ich Richtung der pfeifenden “Modefans” auf der Haupttribüne: “Wer dumm geboren ist, der kann nicht intelligent sterben.”