Meister des gehobenen Mittelstands

von Thorsten Cöhring am 4. Mai 2014

“Ist das Spiel gegen Mainz noch wichtig? Ihr seid doch schon im Europapokal.” – “In Schalke hatten wir das Spiel um Platz 7, gegen Mainz spielen wir um Platz 6 und wenn wir gewinnen, spielen wir in Wolfsburg um Platz 5.” – “Ist das ein Unterschied, ob ihr Fünfter oder Siebter werdet?” – “Als Fünfter müssen wir nicht in die Qualifikation.” – “Aber ihr seid doch schon qualifiziert!” Manche Menschen halten Fußball irrtümlich für einfach. Nein, Fußball ist nicht einfach.

Die Regeln auf dem Platz vielleicht. Aber alles andere ist schwierig. Vor allem ist es schwierig, diese merkwürdige Symbiose aus Körper, Geist und Mathematik einigermaßen nachvollziehbar zu erklären. Ich habe deshalb die Konversation mit philosophischer Weitsicht beendet: “Das erkläre ich dir später!”

Zuerst zu der wichtigsten Nachricht des Wochenendes. Nach dem 3:1 (1:0) über Mainz 05 am Samstag im letzten Heimspiel der Saison 2013/14 steht fest: Wir sind mindestens Sechster. Ein herausragender Erfolg! Eine Platzierung unmittelbar hinter den ganzen Schwerreichen der Liga. Deutscher Meister des gehobenen Mittelstands sozusagen. Darauf können wir zu Recht stolz sein!

Konfetti und prächtige Stimmung im Borussia-Park

Konfetti und prächtige Stimmung im Borussia-Park.

Alles andere als ein Sieg hätte auch nicht in den Rahmen des letzten Heimspiels gepasst. Traumhaftes Wetter, eine prächtige Atmosphäre im ausverkauften Borussia-Park, eine bestens gelaunte Nordkurve mit viel Gesang und Konfetti, und ein würdiger Abschied von unserem großartigen Torhüter Marc-Andre ter Stegen, der später im Spiel noch einmal eindrucksvoll nachwies, dass er zu Recht von Lucien Favre zu den besten Torhütern der Welt gezählt wird.

Das Einzige, was zunächst nicht so recht in den Rahmen passte, war die doch, nun ja, eher überschaubare Leistung unserer Mannschaft. Vor allem in der ersten Halbzeit, als die starken Mainzer mit den Klassestürmern Choupo-Moting und Okazaki unser Team doch vor einige Rätsel stellten. Borussia fand überhaupt keinen Zugriff auf das Spiel, das Mittelfeld reagierte nur, das Stellungsspiel war teilweise schlecht (Dominguez) und die ganze Mannschaft viel zu wenig in Bewegung. Kurz gesagt: Die 1:0-Halbzeitführung war überaus glücklich. Auch die Entstehung: Nach einer Kruse-Flanke rutschte ein Mainzer aus, Dominguez köpfte den Ball vor das Tor und Stranzl nickte aus kurzer Distanz ein (22.).

Die beiden Szenen, die das Match entschieden, passierten innerhalb von zwei Minuten. Zunächst rettete ter Stegen mit einem unglaublichen Reflex gegen Sotos großartigen Drehschuss (52.) und wenig später erzielte Kruse nach einer feinen Einzelleistung mit perfektem 20-Meter-Linksschuss das 2:0 (54.). Zwar kam Mainz durch Choupo-Motings Kopfball (65.) noch einmal auf 2:1 heran, aber zu diesem Zeitpunkt hatte der Betrachter bereits das Gefühl, dass unsere Mannschaft den Gegner unter Kontrolle hat, denn das kraftraubende Laufspiel der ersten 60 Minuten hatte bei den Gästen deutliche Spuren hinterlassen. Kramers 3:1 nach einem Klassekonter in der 77. Minute war schließlich die Entscheidung.

Nachhaltigen Eindruck hinterließen an diesem Nachmittag vor allem zwei Borussen. 1. Max Kruse. Er sprühte nur so vor Spielfreude und ist ganz klar wieder nahe an der Bestform der Hinrunde. Nicht nur als Vollstrecker, sondern auch auch als Vorbereiter, beispielsweise beim 1:0 und bei Herrmanns Lattenkopfball (62.). 2. Tony Jantschke. Ich habe im vergangenen halben Jahrhundert höchst selten einen Spieler gesehen, der so viele Defensivpositionen auf gleichbleibend hohem Niveau mit solch 100-prozentiger Zuverlässigkeit spielen kann. Wenn Bundestrainer Joachim Löw schlau ist, dann beruft er Jantschke in den WM-Kader.

Ach ja, um den Faden des Eingangsdialogs noch einmal aufzunehmen: Wir sind sicher Sechster. Damit ist aber noch lange nicht geklärt, ob wir in der kommenden Saison eine neue Europatour haben werden oder doch nur eine Eintages-Städtereise. So wie vor zwei Jahren, als wir von der Champions League leider nur Kiew zu Gesicht bekamen. Damals federte uns die Europa League ab, jetzt haben wir kein Auffangnetz. Mit anderen Worten: Der Trip auf die internationale Bühne kann nach verlorener Qualifikation (Playoff-Runde im August) ganz schnell vorbei sein.

Dieses Risiko können wir nur dadurch ausschalten, indem wir am kommenden Samstag in Wolfsburg gewinnen und damit Fünfter werden. Das würde uns die Europatour 2014/15 bescheren! Ein lohnendes Ziel für eine letzte körperliche und mentale Kraftanstrengung. Und für die Fans heißt es: Lasst uns dem Wolfsburger Weiß-Grün reichlich Schwarz hinzufügen!

Wenn ich’s mir genau überlege: Irgendwie ist es doch alles relativ einfach…

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