Einstieg in das Post-Arango-Zeitalter

von Thorsten Cöhring am 28. Juli 2014

Die aufregende Weltmeisterschaft ist vorbei. Neun Tage Strandurlaub, um mich von den WM-Strapazen zu erholen, liegen hinter mir. Höchste Zeit, sich wieder mit den wesentlichen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Was macht eigentlich Borussia Mönchengladbach?

Die Vorbereitung auf die neue Saison läuft seit Wochen auf Hochtouren. Am 16. August wird es mit dem Pokalspiel beim FC Homburg wieder ernst. Es folgt die Europa-League-Qualifikation am 21. und 28. August. Und zwischendurch, am Sonntag, 24. August, um 17.30 Uhr, das erste Bundesligaspiel gegen den VfB Stuttgart im Borussia-Park.

Es hat sich etwas verändert. Das “Wunder von 2011”, der Klassenerhalt in scheinbar auswegloser Situation, sowie der darauf folgende märchenhafte Aufschwung sind eng verknüpft mit vier Persönlichkeiten: Trainer Lucien Favre und den Spielern Dante, Marco Reus und Juan Arango. Der Coach ist noch da, aber mit Arango hat uns in diesem Sommer auch der letzte Akteur aus dem Spieler-Trio verlassen.

Arango war in den vergangenen Jahren weit mehr für uns als nur ein herausragender Mittelfeldspieler. Er war der Kopf der Mannschaft, ruhender Pol, Integrator und Dreh- und Angelpunkt in einer Person. Wenn offensiv etwas zu entscheiden war, landete der Ball meist bei ihm. Ich weiß nicht, wieviele weite Abschläge von Marc-Andre ter Stegen den Kopf von Arango fanden. Unzählige. In der vorletzten Saison lebten wir von dem, was ich seinerzeit das “ODA-Prinzip” genannt habe: Ordnung, Disziplin, Arango.

Der stabilisierende Faktor Arango entfällt ab der neuen Spielzeit. Die Mannschaft muss beweisen, dass sie damit klarkommt. Es kann sein, aber es ist nicht sicher, dass sie das schafft. Insofern tun wir alle gut daran, die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Der von Max Eberl als Ziel ausgegebene “einstellige Tabellenplatz” wird nur zu erreichen sein, wenn von Beginn an alles gut läuft. In der Bundesliga dauert die Reise von den Europapokalplätzen in die Abstiegszone mittlerweile nur noch höchstens drei Wochen.

Ich möchte nicht als der Welt größter Bedenkenträger in die Geschichte eingehen, aber eine gesunde Portion Skepsis sollte man sich immer erhalten. Ich erinnere mich noch gut daran, als wir 2006/07 mit Jupp Heynckes in die Saison gingen und alle nur von der Europacup-Qualifikation redeten. Das Ende ist bekannt.

Klar, wir haben einen talentierten Kader beisammen. Das macht mich stolz und steigert die Vorfreude auf die neue Saison. Wobei mir etwas weniger Talent zugunsten von etwas mehr Routine und Erfahrung noch lieber wäre. Aber so lange das Konzept “Talentweiterentwicklungsverein” erfolgreich ist, wird niemand solche Argumente ernst nehmen.

Auf personeller Ebene hat Max Eberl ganze Arbeit geleistet. Rein nominell haben wir die Abgänge von ter Stegen, Arango, de Jong, Rupp und Mlapa mit Yann Sommer, Fabian Johnson, Andre Hahn, Thorgan Hazard und Ibrahima Traore sogar überkompensiert (Stand: 28.7.2014). Was bedeutet das für die einzelnen Mannschaftsteile?

Tor:
Nach allem, was ich bisher von Yann Sommer im TV gesehen habe, sollte er in seinem Leistungsvermögen auf keinen Fall schwächer einzuschätzen sein als Marc-Andre ter Stegen. Darüber hinaus ist Christofer Heimeroth ein prima Backup-Keeper. Insofern mache ich mir keine Sorgen. Ich verbinde das natürlich auch mit der vagen Hoffnung, dass vielleicht zukünftig nicht mehr ganz so oft der Rückpass auf den Torhüter gesucht wird…

Abwehr:
Mit Fabian Johnson, Julian Korb, Tony Jantschke, Roel Brouwers, Martin Stranzl, Alvaro Dominguez, Oscar Wendt und Filip Daems haben wir acht verlässliche Verteidiger, die zum Großteil vielseitig einsetzbar sind – innen und außen. Auch in diesem Mannschaftsteil sollte selbst bei Verletzungspech nicht allzuviel anbrennen.

Defensives Mittelfeld:
Ich setze große Hoffnungen in Granit Xhaka. Wenn es ihm gelingt, an die bemerkenswerten Leistungen der Hinrunde in der vergangenen Saison anzuknüpfen, dann kann er in die Arango-Rolle als strategischer Kopf der Mannschaft hineinwachsen. Von der Persönlichkeit her traue ich das auch Havard Nordtveit zu, allerdings bringt er nicht das fußballerische Potenzial des Schweizers mit. Christoph Kramer ist ohnehin gesetzt, seine Brust sollte als frischgebackener Weltmeister noch breiter sein als zuvor. Auf Mahmoud Dahouds Entwicklung bin ich gespannt. Thorben Marx ist ein jederzeit verlässlicher Backup.

Offensives Mittelfeld:
Hier geht es vor allem auf den Außenbahnen im Konkurrenzkampf richtig zur Sache. Patrick Herrmann, Ibrahima Traore, Thorgan Hazard, Andre Hahn, Branimir Hrgota – Tempospieler ohne Ende. Könnte spektakulär werden. Für Amin Younes wird die Luft dünn, eine Ausleihe ist sicher die beste Lösung.

Angriff:
Tja… Max Kruse und Raffael. Sonst nichts (Stand 28.7.2014). Keine personellen Alternativen. Falls einer von beiden ausfällt, haben wir ein ziemliches Problem. Falls beide gleichzeitig ausfallen, nähern wir uns dem Super-GAU. Hier werden wir um eine Neuverpflichtung nicht herumkommen. Alles andere wäre ein Spiel mit dem Feuer. Aber das ist Max Eberl sicher bewusst.

Die WM hat gezeigt, dass der Ballbesitzfußball a la “Tiki-Taka” tot ist. Der Trend geht ganz klar zum schnellen Umschaltfußball mit Steilpässen, Flügelspiel, Flanken und Torabschlüssen aus allen Lagen. Taktisch hat die WM eine weitere wichtige Erkenntnis zu Tage gefördert: Die besten Mannschaften spielten mit einem klassischen Strafraumstürmer, der früher Mittelstürmer hieß und heute Stoßstürmer heißt. Klose (Deutschland), Higuain (Argentinien), Benzema (Frankreich), van Persie (Niederlande), Rodriguez (Kolumbien) und im weiteren Sinne auch Neymar (Brasilien) spielten in ihren Teams eine tragende taktische Rolle. Gleiches gilt für Spielertypen wie Mandzukic und Lewandowski in ihren Vereinen. Die meisten spielten das seit Jahren beliebte 4-2-3-1-System, andere bevorzugten sogar das fast in Vergessenheit geratene 4-3-3 (Niederlande, Argentinien).

Wir haben einen solchen Stoßstürmer nicht in unseren Reihen (Stand 28.7.2014). Denn du musst natürlich auch das Spielsystem auf ihn zuschneiden. Dazu ist Lucien Favre nicht bereit, wie das Beispiel de Jong zeigt. Andererseits engt dich das Spiel ohne Stoßstürmer massiv in deinen taktischen Möglichkeiten ein. Der Kommentator von goal.com hat das Dilemma in seinem Beitrag “Eberl in der Favre-Falle” ziemlich treffend beschrieben. Idealerweise ist ein solcher Stoßstürmer ein “Knipser”, vorrangig aber sichert er Bälle und bindet Gegenspieler, um Räume für seine Mittelfeldspieler zu schaffen. So etwas kennen wir bei Borussia seit der Saison 2011/12 (Hanke) nicht mehr. Favre setzt auf Wuseligkeit, Positionswechsel und schnelle Kombinationen. Hohe Flanken sind de facto abgeschafft. Wenn es läuft und entsprechend Tore fallen, dann ist das Weltklassefußball. Wenn es nicht läuft, sieht das teilweise so aus, als hätten die Spieler nie zuvor gegen einen Ball getreten.

Borussia wird also auch in der kommenden Saison seinem 4-4-2-System treu bleiben, aus dem bei Rückstand oft ein 4-2-4 wird. Mehr Variationsmöglichkeiten gibt es nicht. Eine grundlegend alternative Struktur kriegst du nur mit einem Strafraumstürmer hin. 4-4-2 und 4-2-4 – damit wurden die Brasilianer zwischen 1958 und 1970 drei Mal Weltmeister. Insofern ist das sicher keine schlechte Positionierung. Du brauchst halt nur die entsprechend begabten Spieler dazu. Haben wir die? Wenn sich Räume auftun, spielt unser Team meistens außerordentlich gut, vor allem zu Hause. Auswärts hingegen verlässt uns häufig der Mut.

Unser größtes Manko war in der vergangenen Saison die  taktische “Eindimensionalität” unseres Offensivspiels. Wenn ein Rhythmuswechsel gefragt war, führte das in den meisten Fällen zu opulenten Quer- und Rückpass-Passagen, die viel zu häufig in hanebüchenen Ballverlusten mündeten. Wird es Favre gelingen, das abzustellen? Nicht einfach, weil wir natürlich nicht die Spielerqualität von Bayern München oder Borussia Dortmund besitzen, deren Akteure auch in schwierigen Situationen stets den Ball behaupten.

Ich freue mich auf die neue Spielzeit. Und auch auf die Antwort auf die Frage: Werden wir eine neue Europatour bekommen? Als Gegner kommen eine Menge Clubs in Betracht. Seitenwahl.de hat eine beeindruckende Fleißarbeit betrieben (“Mögliche Gegner in den Play-Offs“), wenngleich selbst einen alten Statistiker wie mich die Wucht der Listen nahezu erschlägt. Wenn ich die Wenns und Abers richtig interpretiere, dann bekommen wir zumindest keinen Gegner aus den Top-Spielwiesen der Milliardäre dieser Welt zugelost. Das wäre ja schon mal was.

Wie dem auch sei: Ich bin guter Dinge und kann es kaum erwarten, dass es endlich wieder losgeht!