Kategorie B: Nur der Sieg zählt

von Thorsten Cöhring am 22. August 2014

Wir haben das Playoff-Hinspiel der Europa-League-Qualifikation bei FK Sarajevo mit 2:3 (1:2) gewonnen. Wenn ich NICHT seit 47 Jahren Anhänger von Borussia Mönchengladbach wäre, würde ich sagen: “Lasst uns entspannt zurücklehnen und gelassen dem Rückspiel entgegensehen.” Da ich aber schon ziemlich lange die Raute im Herzen trage, weiß ich mit ziemlicher Sicherheit: “Das wird nix mit entspannt.”

Spiele von Borussia Mönchengladbach ordne ich in meiner Welt immer grob in 4 Kategorien ein:

  • Kategorie A: Gut gespielt und gewonnen
  • Kategorie B: Nicht gut gespielt und gewonnen
  • Kategorie C: Gut gespielt und nicht gewonnen
  • Kategorie D: Nicht gut gespielt und nicht gewonnen

Das Spiel in Sarajevo war ohne Zweifel ein Match der Kategorie B. Ergebnistechnisch alles im grünen Bereich. Wenn wir das Ding im Rückspiel noch verdaddeln, haben wir im Europacup auch nichts zu suchen. Ganz einfach. Aber davon gehe ich jetzt mal nicht aus. Der bosnische Pokalsieger ist eine unangenehme Mannschaft, aber ganz sicher keine überragende.

Die Leistung unserer Mannschaft war … na ja, sagen wir mal: ausbaufähig. Über weite Strecken eine Fehlerquote jenseits von Gut und Böse. Im Defensivverhalten und im Aufbauspiel gleichermaßen. Stockfehler bei der Ballannahme, misslungene Pässe, viele Stellungsfehler und ein gelegentlich sehr passives Zweikampfverhalten. Das alles sorgte für einen ziemlich hohen Puls beim Beobachter. Außerdem stimmte irgendetwas mit dem Schuhwerk nicht. Rutschpartien en masse. In einigen Szene sah das eher aus wie Eiskunstlaufen. War das grün eingefärbte Schmierseife? Oder zu kurze Stollen?

Andre Hahn, dem überragenden Offensivakteur der ersten Halbzeit, gelang das frühe 0:1 (10.). Die anschließende Entschleunigungsphase der Borussia nutzte Puzigaca (26.) per Kopfball zum 1:1, wobei der ansonsten durchaus souverän auftretende Torhüter Sommer schlecht aussah. Wenn ihm ein eigener Mitspieler beim Ballfangen im Weg steht, dann muss er ihn halt mal kurz beseitigen. Glücklicherweise schoss sein Torwart-Gegenüber Bandovic einen noch kapitaleren Bock. Er unterschätzte eine Hahn-Flanke und Hrgota nickte zum 1:2 ein (41.).

Ich weiß nicht genau, auf was unsere Mannschaft mit Beginn der zweiten Halbzeit wartete. Sie verharrte in Passivität. Diese Einladung nahm Sarajevo dankend an und glich nach einer Unordnung auf der rechten Abwehrseite durch Duljevic (59.) aus. Danach erlahmte der Angriffsgeist der Hausherren, Borussia übernahm das Kommando, Herrmann (68.) und Johnson (70.) vergaben Großchancen. Besser machte es Hrgota, der die Kugel mit einem satten Rechtsschuss von der Strafraumgrenze zum 2:3-Siegtreffer versenkte (73.).

Mit Einzelkritik sollte man sich in dieser frühen Saisonphase noch zurückhalten. Zwei Dinge stachen ins Auge: Auf der rechten Abwehrseite lief es ab der 65. Minute mit Korb deutlich besser als mit Johnson. Und der stattdessen ins Mittelfeld beorderte Johnson belebte dort unser Angriffsspiel spürbar. Das zentrale defensive Mittelfeld funktioniert wahrscheinlich mit Kramer deutlich besser. Nordtveit und Xhaka sind sich als Spielertypus in ihrer Spielanlage einfach zu ähnlich.

Und dann ist da natürlich noch Branimir Hrgota. Ein echtes Phänomen. Faszinierend. Er fällt nicht weiter auf, sein Aktionsradius ist begrenzt, er bleibt bei Dribblings oft hängen, er verliert häufig Sprintduelle und er geht oft zu zaghaft in Zweikämpfe. Aber er entscheidet Spiele! Die Kunst ist nicht, die Kugel zu versenken. Die Kunst ist, dort zu stehen, wo ich die Kugel versenken KANN. Der Letzte, auf den diese Beschreibung in ähnlicher Weise zutraf, war der legendäre Gerd Müller. Möglicherweise, mit aller gebotenen Vorsicht, haben wir mit ihm ein noch ungeschliffenes Juwel von unschätzbarem Wert in unseren Reihen. Wir werden sehen. Auf jeden Fall hat er innerhalb weniger Monate einen gewaltigen Sprung gemacht. Und er zeigt es nicht mehr nur im Training.