Noch ein Titel für Kramer: Fehlstartverhinderer

von Thorsten Cöhring am 25. August 2014

Laut Definition ist ein “Angstgegner” ein Kontrahent, der einem nicht liegt und den man fürchtet. Zu dieser Kategorie gehört aus unserer Sicht ganz sicher der VfB Stuttgart. Zwei mickrige Heimsiege gab es seit 1990 gegen die Schwaben. Das wird nur noch übertroffen von der desaströsen Heimbilanz gegen Leverkusen (seit 25 Jahren kein Bundesliga-Heimerfolg mehr). Insofern kann man mit dem 1:1 (0:0) zum Saisonauftakt vor 50.000 Zuschauern im Borussia-Park durchaus leben. Vor allem gemessen am Spielverlauf.

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Nach 113 Tagen endlich wieder Bundesligafußball im Borussia-Park.

Stuttgart war am Sonntagabend weit davon entfernt, Angst und Schrecken zu verbreiten. Aber die Mannschaft stand gut geordnet und präsentierte sich zweikampfstark. Das reichte, um Borussia in der ersten Halbzeit in Schach zu halten, weil es unserer Mannschaft gleichermaßen an Schnelligkeit, Ideen und Risikobereitschaft mangelte. Zu wenig, um sich zwingende Torchancen herauszuspielen. Nur einmal wurde das Mittelfeld zügig überbrückt, doch bei Traores Querpass verlor Hrgota das Sprintduell zum Ball gegen Schwaab (20.). In der 32. Minute zappelte der Ball in unserem Netz (Rüdiger), doch Ibisevic hatte Jantschke zuvor umgeschubst. Das war selbst für den ansonsten uns nicht gerade wohlgesonnenen Schiedsrichter Dingert nicht zu übersehen.

Vielleicht hätten wir das Spiel sogar gewonnen, wenn Hrgota (48.) nicht in seiner Spezialdisziplin versagt hätte: Er schob das Leder aus kurzer Distanz am leeren Tor vorbei. Diese Dinger macht er sonst im Schlaf. So kam es, wie es kommen musste: Stranzl spielte links auf Abseits, Korb machte rechts nicht mit, Maxim stand plötzlich frei vor dem Tor und vollendete zum 0:1 (51.).

Erst danach zeigte unsere Elf, zu was sie fähig ist, wenn sie will oder muss. Ein Angriff nach dem anderen rollte auf das Stuttgarter Tor, plötzlich mit viel mehr Tempo und Zug zum Tor. Aus einem Gewühl vor dem Tor konnte Hrgota kein Kapital schlagen (61.), sechs Minuten später traf der junge Schwede endlich, stand aber bei Traores Zuspiel im Abseits. Damit war sein Tagwerk getan, Hazard übernahm seinen Job in der Spitze.

Die beste Idee des Nachmittags hatte Trainer Lucien Favre schließlich in der 73. Minute. Er wechselte Christoph Kramer für Nordtveit ein. Und mit unserem vor dem Anpfiff geehrten Weltmeister kam endlich mehr Struktur in unser Mittelfeldspiel. Kaum hatte er den Rasen betreten, lupfte Kramer elegant auf Hazard, der die Kugel aus der Drehung an den Pfosten knallte.

Und irgendwie war es auch kein Zufall, dass Kramer in der letzten Minute für den Ausgleich sorgte. Nach wunderbarem Rückpass von Dominguez verwandelte er mit einem platzierten Rechtsschuss von der Strafraumgrenze zum 1:1.

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Ehrung für Weltmeister Christoph Kramer vor dem Spiel.

Insgesamt ein sehr durchwachsener Auftakt unserer Mannschaft. Zeitweilig hatte ich den Eindruck, unsere Jungs hätten noch einen halben Tag weiterspielen können, ohne ein Tor zu erzielen. Die Bestnote in unserem Team verdiente sich Jantschke mit einer absolut tadellosen Leistung in der Innenverteidigung. Und wie ich schon nach dem Donnerstag-Spiel in Sarajevo vermutete: Mit Kramer im zentralen Mittelfeld funktioniert unser Spiel einfach besser. Nach den bisherigen Eindrücken muss sein Partner dort eigentlich Xhaka heißen. Hahn und Traore auf den Außenpositionen enttäuschten nicht, müssten sich aber noch mehr zutrauen. Und im Angriff vermisse ich Kruse. Trotz der vier Pflichtspieltore von Hrgota.

 

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