Ein fast perfektes Auswärtsspiel

von Thorsten Cöhring am 19. Oktober 2014

Zugegeben, Hannover 96 hatte gestern nicht seinen besten Tag erwischt. Vielleicht hatte das aber auch ganz einfach damit zu tun, dass die heimstarken Niedersachsen frühzeitig erkannten: An diesem herrlich warmen Samstag im Oktober gab es nichts zu holen. Gar nichts. Denn Borussia Mönchengladbach trumpfte auf wie eine Spitzenmannschaft. Und brachte sich endlich einmal nicht selbst um den Lohn der guten Arbeit.

Borussia Mönchengladbach in Feierlaune.

Wann hatte Borussia Mönchengladbach zuletzt eine Mannschaft, die so gut Fußball spielen konnte? Verdammt, ich kann mich nicht erinnern. Klar, in den 70er Jahren. Aber das ist 40 Jahre her. Seither höchstens sporadisch. Beim 5:1 über Real Madrid zum Beispiel. Aber auch das liegt fast 30 Jahre zurück.

14. Minute in der ausverkauften HDI-Arena: Ballverlust am gegnerischen Strafraum. Unsere Offensivspieler gehen entschlossen und dynamisch auf die 96-Abwehrspieler. Massives Pressing, massiver Druck. Gier auf den zweiten Ball. Hannover ist zu Fehlern gezwungen. Balleroberung. Zwei kurze Pässe auf die linke Seite, präzise Flanke von Dominguez, Flugkopfball Kruse. 0:1.

SO, genau SO zwingend spielt eine Spitzenmannschaft in der Offensive! Ich habe Lucien Favre oft kritisiert und sehr oft an ihm gezweifelt. Aber was er aus diesem guten Spielerkader, den ihm der pfiffige Max Eberl zusammengestellt hat, geformt hat, ist aller Ehren wert. Chapeau! Ich ziehe den Hut und verbeuge mich. Vor allem gemessen an der Tatsache, dass ich noch vor drei Jahren nach jedem Spiel auf den Abstand zu den Abstiegsplätzen geschaut habe.

Dabei geht es mir noch nicht einmal so sehr um die Ergebnisse. Klar, ich will gewinnen. Am liebsten immer. Und ich ärgere mich über Niederlagen. Aber viel wichtiger ist mir, dass mir meine Mannschaft Spaß macht. Dass sie ansehnlichen, temporeichen, technisch ansprechenden und taktisch ausgefeilten Fußball spielt. Das lässt mein Herz höher schlagen. Und es erfüllt mich mit unglaublichem Stolz. Wie muss es da erst denjenigen unter uns Borussen ergehen, die aufgrund ihrer Jugend noch nie einen großen Borussia-Triumph selbst erlebt haben? Ich kann es nur vermuten.

So, das musste mal raus. Aber jetzt ist auch genug der Lobhudelei. Reden wir über Xhaka. Warum, {derber Fluch}, schießt der Junge nicht häufiger aus der Distanz aufs Tor? Sein Freistoß zum 0:2 in der 49. Minute flog exakt ins Torwarteck – und war dennoch unhaltbar. Ein unfassbarer Hammer aus 25 Metern. Wie ein Strich. Sehr gut zu sehen in der Zeitlupe: Wenn der Ball in der Flugphase keinerlei Rotation hat, dann ist er optimal getroffen. Xhaka kann das. Er tut es nur zu selten.

Kommen wir zum Wörtchen “fast” in der Überschrift dieses Beitrags. Borussia versäumte es, frühzeitig den Sack komplett zuzuschnüren. Wie so oft in den letzten Wochen. Dieses Mal glücklicherweise ohne Auswirkung auf das Resultat. Dominguez köpfte die Kugel aus einem (!!) Meter Distanz an die Latte (56.), Hahn lupfte den Ball nach genialem Pass von Raffael knapp am Pfosten vorbei (70.). So dauerte es bis zur 90. Minute, ehe Hazard mit tollem Einsatz Kruse das 0:3 auflegte.

Natürlich basiert Erfolg nicht nur auf der Offensive. Überragender Spieler auf dem Platz war gestern für mich Linksverteidiger Dominguez. Defensiv wie offensiv. Extraklasse! Er bildet mit Stranzl und Jantschke eine überragende Kette. Schade, dass es noch nicht gelungen ist, einen der besten Rechtsverteidiger der letzten Weltmeisterschaft (Johnson) einzubauen. Dazu die seit Wochen überragenden Xhaka im Mittelfeld und Kruse im Angriff – die Mischung stimmt. Und der erkrankte Kramer fehlte gestern noch.

Leider gibt es wenig Zeit, sich über schöne Siege zu freuen. Am Donnerstag spielen wir im Borussia-Park gegen Apollon Limassol. Ein Sieg gegen die Zyprer ist Pflicht. Sonst ist die Europatour möglicherweise schon vor Weihnachten beendet.

Und dann?

Ja, dann kommt am Sonntag die “Übermannschaft”. Die “Außergalaktischen”. 2011/12 haben wir Bayern München zwei Mal geschlagen. Dann kauften sich die Münchner die beste Mannschaft der Welt zusammen und haben gefühlt seitdem nicht mehr verloren.

Können wir dieser Megatruppe Paroli bieten? Die Feuertaufe naht. Ich bin gespannt.