Die Hinrunde 2014/15: Alles gut?

von Thorsten Cöhring am 23. Dezember 2014

Neulich wurde ich gefragt, ob ich inzwischen „altersmilde“ geworden sei. Früher hätte ich die Mannschaft viel härter kritisiert. Ja, das stimmt. Aber das hat nichts mit dem Alter zu tun. Es ist etwas ganz anderes. Seit ich nicht mehr nach jedem Spiel automatisch den Abstand zum ersten Abstiegsplatz berechnen muss, lebe ich in einer Art „Grundentspanntheit“. Sie erlaubt es mir, das eine oder andere Defizit einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Unter dieser Maßgabe ist auch die folgende Analyse zu sehen.

Hat Borussia Mönchengladbach eine gute, durchschnittliche oder schlechte Hinrunde gespielt? Nun, es handelt sich um relative Adjektive. An was sollen wir die Bewertung messen? Möglicherweise an den Erwartungen. Aber auch die sind subjektiv. Besser also an den Fakten. In der Summe aller drei Wettbewerbe ist das Ergebnis gut. Aber insbesondere was das Bundesliga-Abschneiden angeht, kann ich mich der allgemeinen euphorischen Lobhudelei nicht anschließen.

Fakt ist: Zum ersten Mal seit der Saison 1986/87 überwintern wir wieder in allen drei Wettbewerben: In der Bundesliga sowieso, aber auch im DFB-Pokal und im Europacup. Das bedeutet in der Addition 27 Pflichtspiele innerhalb von 126 Tagen. Ergebnis: 14 Siege, 9 Unentschieden, 4 Niederlagen. Der Blick auf die drei Wettbewerbe im Einzelnen.

Bundesliga:

Im Querschnittsvergleich unserer Bundesliga-Bilanzen der aktuellen plus der vergangenen drei Spielzeiten rangieren wir mit 27 Punkten leicht unter dem statistischen Mittel (29,5 Punkte). Denn seit wir uns vor drei Jahren erfreulicherweise abgewöhnt haben, mindestens jedes zweite Spiel zu verlieren, hatten wir nach der Hinrunde folgende Ausbeute:

  • 2014/15: 27 Punkte (4. Platz)
  • 2013/14: 33 Punkte (3. Platz)
  • 2012/13: 25 Punkte (8. Platz)
  • 2011/12: 33 Punkte (4. Platz)

Wenn es uns gelingt, in der Rückrunde das Niveau der Hinrunde zu halten, werden wir vermutlich wieder um die Vergabe des Europa-League-Qualifikationsplatzes ein Wörtchen mitreden können. Laut Hans-Meyer-Tabelle liegen wir derzeit auf Kurs 51 Punkte. Allerdings war in den vergangenen drei Jahren unsere Rückserie stets schlechter als die Hinserie. Diesen Trend müssen wir also unbedingt stoppen.

Der 4. Platz nach 17 Spieltagen ist belanglos und besagt gar nichts. Im Gegenteil: Er blendet eher. Das Bundesliga-Feld (2. bis 18.) ist so dicht beisammen, wie schon lange nicht mehr. Unser Abstand zum Zweiten beträgt 7 Punkte, unser Abstand zum Relegationsplatz 10 Punkte. Bei entsprechend sehr positivem oder sehr negativem Verlauf der Rückrunde ist also nach oben oder unten noch alles möglich.

Mit einigen beeindruckenden Auftritten in der ersten Hinrundenhälfte, die so richtig Spaß gemacht haben, hat das Team selbst Erwartungen Richtung Champions League geweckt. Es stellte sich jedoch heraus: Unsere Mannschaft ist nur punktuell zu außergewöhnlichen Höchstleistungen fähig. Sie kann dieses Niveau nicht dauerhaft stabilisieren. Ende Oktober, das gebe ich unumwunden zu, habe ich, unter dem Eindruck zehn starker Wochen, das Leistungsniveau insgesamt überschätzt. Vermutlich liegt es auch nicht nur an einer mentalen Blockade (vgl. „Drittel-Bilanz: Gut, aber nicht sehr gut“), sondern es fehlt ganz einfach am letzten Quäntchen Qualität.

Solange wir uns selbst öffentlich bei jeder Gelegenheit als „Ausbildungsverein“ definieren, der Talente verpflichtet, sie an die Spitze führt, um die Spieler schließlich wieder abzugeben, sobald sie höchstes Niveau erreicht haben, müssen wir uns mit dieser limitierten Perspektive abfinden.

Gemessen an den Punktezahlen in den Jahren 2008 bis 2011 (und weit davor!) haben wir eine gute Hinrunde gespielt. Gemessen an den Jahren 2011 bis 2014 eine durchschnittliche.

Und was ist unser aktueller Anspruch?

  1. Europa League?
    Dann war die Hinrunde „befriedigend“.
  2. Mittelmaß?
    Dann war die Hinrunde „gut“.
  3. Klassenerhalt?
    Dann war die Hinrunde „sehr gut“.

Jeder mag sich selbst die passende Einschätzung heraussuchen. Ich tendiere zu 1. Mein Tipp ist: Wir landen am Ende irgendwo zwischen Platz 6 und 9.

DFB-Pokal:

Weder Borussia noch ich hegen traditionell eine sehr enge Liebesbeziehung zum DFB-Pokal. Irgendwie war das noch nie ein passender Wettbewerb für uns. Zumal uns so etwas wie „Losglück“ bekanntlich weitgehend unbekannt ist. Ganze vier Heimspiele in 10 Jahren Borussia-Park – keine weiteren Fragen, Euer Ehren!

Immerhin haben wir in dieser Saison die beiden ersten Runden, in Homburg und in Frankfurt, souverän gemeistert. Ungewohnt, aber schön. Jetzt steht Anfang März das Achtelfinale beim Regionalligisten Kickers Offenbach an.

Wenn meine Theorie stimmt, dass unsere Borussia punktuell zu außergewöhnlichen Höchstleistungen fähig ist, dann bietet sich in diesem Wettbewerb die einzig realistische Chance auf den ersten Titel nach 20 Jahren. Und zwar dann, wenn unsere Elf diese Höchstleistungen zum richtigen Zeitpunkt auf den Rasen bringt. Nämlich genau vier Mal.

Man darf ja zumindest mal träumen…

Europa League:

Souverän durch die Qualifikation und ungeschlagen als Gruppensieger durch die Gruppenphase: Fünf Siege und drei Unentschieden. Das ist bemerkenswert. Die Personal-Rotation hat bestens funktioniert. Wir haben nicht immer überragend gespielt, aber sehr stabil gepunktet.

Ob die Reise nach dem Sechzehntelfinale noch weitergeht, ist zumindest zweifelhaft. Ausgerechnet den Titelverteidiger FC Sevilla zugelost zu bekommen, das ist … okay, da wären wir wieder beim Thema „Losglück“. Aber freuen wir uns auf einen großen Abend am 26. Februar im Borussia-Park. Unsere Jungs haben nichts zu verlieren!

Das Team:

Im Querschnitt ist unsere Mannschaft etwa genauso stark wie in der Vorsaison. Wir haben uns in der Kaderbreite verbessert, so dass jetzt auch die Rotation funktioniert. Nach meiner Überzeugung müsste das Spielerpotential allerdings noch mehr hergeben.

In der Bundesliga hakt es in der Offensive. In der Hinrunde 2013/14 haben wir zehn Treffer mehr erzielt, bei gleichbleibendem Niveau in der Defensive. Das macht sich natürlich in der Punkteausbeute bemerkbar.

Was uns oft fehlt (gerade auswärts), ist der Druck nach vorn, weil wir das 4-4-2-System sehr defensiv interpretieren. Heißt: Unsere zentralen Mittelfeldspieler agieren sehr weit zurückgezogen, deshalb fehlen im zentralen offensiven Mittelfeld häufig Anspielstationen. Dass Raffael meist als „Neuneinhalb“ agiert, also als zurückgezogener Stürmer, löst das grundsätzliche Problem nur unzureichend. Jeder einzelne Rückpass auf den Torhüter hat nur eine einzige Ursache: Es ist kein Feldspieler anspielbar. Diese Baustelle konnte Trainer Lucien Favre noch nicht beseitigen.

Borussia hat die gesamte erste Saisonhälfte mit 18 Spielern bestritten:

Tor:

Yann Sommer war ohne Zweifel ein sorgfältig geplanter Glücksgriff. Er ist als Gesamtpaket wahrscheinlich noch zuverlässiger als ter Stegen. Das sagt alles.

Abwehr:

Martin Stranzl als Kapitän und unumstrittener Chef der Truppe sowie Tony Jantschke und Alvaro Dominguez sind die großen Konstanten in der Vierer-Abwehrkette. Dominguez, in der vergangenen Saison meist innen eingesetzt, hat mich vor allem als linker Außenverteidiger überzeugt. Dort ist er alles in allem wesentlich stabiler als Oscar Wendt, der nach wie vor seine großen Stärken im Spiel nach vorn hat, aber Defizite im Defensivverhalten (Stellungsspiel und Zweikampfhärte). Auf der rechten Seite hat Julian Korb beachtliche Fortschritte gemacht; er wiederum gibt der Offensive zu wenige Impulse. Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, weshalb Fabian Johnson, einer der besten Rechtsverteidiger der WM 2014, bei uns auf dieser Position den Durchbruch nicht schafft. Roel Brouwers ist ein „Bilderbuch-Backup“ – einer, der im Notfall sofort zur Stelle ist und seit Jahren immer seine Leistung bringt.

Mittelfeld zentral:

Granit Xhaka ist unser bester Spieler und unverzichtbare Schaltzentrale unseres Spiels. Er bestimmt Tempo und Takt. Der 22-Jährige hat sich zum absoluten Führungsspieler entwickelt. Christoph Kramer ist ein anderer Spielertyp. Er ist der beste Balleroberer der Liga – falls er in Form ist. Nach der WM konnte er bislang nicht an seine überragende letzte Saison anknüpfen. Xhaka und Kramer bilden ein optimales Tandem, aber sie haben noch mehr drauf als sie bisher gezeigt haben. Havard Nordtveit ist ein guter und zuverlässiger Mann, aber es fehlt ihm etwas an Schnelligkeit. Und damit meine ich sowohl den Antritt als auch die Handlungsschnelligkeit.

Mittelfeld außen:

Auf den Außenbahnen haben wir nach dem Abschied von Arango inzwischen deutlich mehr Tempo und Dynamik. Patrick Herrmann spielt, wie ich finde, eine hervorragende Saison. Die neue Konkurrenz hat seinen Ehrgeiz spürbar angestachelt. Erst im Dezember ging ihm der „Sprit“ aus. Schon etwas früher war das bei André Hahn der Fall, der in den ersten Wochen und Monaten sensationell auftrumpfte, dessen Offensivkraft in seinen defensiven Abnutzungskämpfen allerdings fast vollständig auf der Strecke geblieben ist. Trotzdem ist Hahn für mich neben Sommer der beste Einkauf dieses Jahres. Thorgan Hazard ist unser talentiertester Offensivspieler. Er hat sich innerhalb weniger Monate prächtig entwickelt, aber ihm fehlt es noch an Durchsetzungsvermögen in 1:1-Situationen und er verpasst häufig den richtigen Moment zum Abspiel. Aber er kommt in den nächsten Jahren groß raus, daran habe ich keine Zweifel. Beim schnellen und geschmeidigen Ibrahima Traoré blitzt oft auf, was er kann, aber er zeigt es zu selten. Von ihm kann und muss noch viel mehr kommen.

Angriff:

Raffael ist natürlich kein echter Stürmer. Er agiert auf der „Neuneinhalb“, lässt sich also im zentralen Mittelfeld oft auf die „Zehner“-Position zurückfallen, schleppt Bälle, verteilt sie brillant, ist ein guter Dribbler im 1:1 und kann Tore machen. Es gibt nicht viele, die das alles in ähnlicher Qualität in der Bundesliga zu bieten haben. Aber: Er konnte bisher nur ganz selten an seine überragende Vorjahresform anknüpfen. Eines unserer markantesten Probleme dieser Hinrunde. Max Kruse ist als vorderste Spitze unumstritten und lässt sich auch durch schwächere Auftritte oder Kritik von außen nicht beeinflussen. Er zieht sein Ding durch. Diese psychische Stabilität würde ich einigen anderen unserer Spieler auch wünschen. Zum Beispiel Branimir Hrgota. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Schwede eines Tages Bundesliga-Torschützenkönig wird. Aber mit ziemlicher Sicherheit nicht im Trikot von Borussia Mönchengladbach. Sein Werdegang erinnert mich stark an Martin Max, der von 1989 bis 1995 bei uns spielte, aber erst groß herauskam (zwei Mal Bundesliga-Torschützenkönig), als er uns verlassen hatte. Hrgota ist alles andere als ein „polyvalenter“ Spieler Favrescher Prägung. Er kann eigentlich nur eines richtig gut: knipsen. Und das sollte er auch in der Bundesliga vermehrt tun.

FAZIT:

In den vergangenen Jahren haben wir in der Bundesliga die Grundlage für eine gute Saison stets in der Hinrunde gelegt, indem wir uns ein kleines Punktepolster geschaffen haben. Das ist uns diesmal nicht gelungen. Von daher kommt es mehr denn je darauf an, dass wir in der Rückrunde noch einen Gang zulegen.

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