Grundtugenden des Fußballs beherzigt

von Thorsten Cöhring am 7. Dezember 2014

Gewinnen – egal wie! So lautete der Auftrag vor dem gestrigen Heimspiel gegen Hertha BSC. Diese Mission hat unsere Mannschaft mit dem 3:2 (1:1)-Sieg erfüllt. Sie hat den Gegner nicht an die Wand gespielt, aber sie hat Grundtugenden des Fußballs in die Waagschale geworfen: Siegeswillen, Einsatzbereitschaft und Zweikampfhärte. Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Auch Trainer Lucien Favre zeigte nach der dritten Bundesliga-Niederlage hintereinander am vergangenen Wochenende in Wolfsburg eine Reaktion. Er veränderte sein System. Statt des gewohnten 4-4-2 spielte seine Elf gegen Hertha nahezu ein lupenreines 4-2-3-1. Schon vor dem Spiel abzulesen an einer einzigen Personalie: Hazard für Hahn – Verzicht auf  einen der beiden Flügelspieler. Das brachte in der Defensive spürbar mehr Stabilität, denn unsere Elf ließ wesentlich weniger zu als in den vergangenen Spielen. Um genau zu sein: Die Gäste aus der Hauptstadt schossen nur zwei Mal aufs Tor. Die waren allerdings leider beide drin…

Offensiv profitierten wir davon, dass nach wochenlangen Verletzungen und Sperren endlich wieder Xhaka und Kramer gemeinsam auf dem Platz standen. Nur diese beiden im Duett verleihen unserem zentralen Mittelfeldspiel genügend Dynamik und Power. Äußerst erfreulich und sehr bemerkenswert: Unsere Mannschaft spielte viel weniger Rückpässe auf Torhüter Sommer als gewohnt! Nur 39 Ballkontakte zwangen den Schweizer zu stetigen gymnastischen Warmhalte-Übungen; aber der Effekt auf unser Spiel war positiv. Ganz abgesehen davon, dass wir so unseren Keeper nicht ständig in große Schwierigkeiten bringen.

Wobei: Es war natürlich nicht alles Gold, was glänzte. Die erste Halbzeit erinnerte stark an das Frankfurt-Spiel. Nach einer Klasse-Freistoßflanke von Hazard erzielte Jantschke mit einem Flugkopfball das frühe 1:0 (9.). Danach
verabschiedeten wir uns weitgehend aus diesem Spiel und schalteten in den Verwaltungsmodus. Da Hertha aber keine nennenswerten Ambitionen erkennen ließ, plätscherte das Spiel so dahin. Bis zur 45. Minute. Dann schlich sich Schieber in den Rücken von Brouwers und nickte nach einer Flanke von Ben-Hatira zum 1:1 ein. Ein Ausgleich wie aus dem Nichts, aber in seiner läppischen Entstehung gleichzeitig auch bezeichnend für Borussia in den letzten Wochen.

Letztlich erwies sich dieses Gegentor als Glücksfall. Denn unser Team kam mit einer völlig veränderten Einstellung aus der Kabine. Mit Willen und Entschlossenheit. Einen grandiosen Steilpass des überragenden Xhaka nahm Dominguez auf und die präzise flache Hereingabe des Spaniers schob Raffael (endlich mal wieder) eiskalt zum 2:1 in die Maschen (53.). Danach vergaben wir reihenweise beste Chancen oder scheiterten am besten Berliner Spieler, Torhüter Kraft, so dass sich meine Kolonie in Block 11 langsam aber sicher dem kollektiven Wahnsinn näherte.

Die Entscheidung fiel erst in der 83. Minute. Ziemlich kurios übrigens. Hazard steuerte allein aufs Berliner Tor, legte quer auf Traore, der mit seinem Schuss den Kopf (!!) des bäuchlings auf dem Boden liegenden Pekarik traf; erst im Nachschuss netzte Hazard zum 3:1 ein. Der zweite Hertha-Treffer in der Nachspielzeit, durch einen zweifelhaften Foulelfmeter, den Kalou verwandelte (92.), hatte keinen Einfluss mehr auf die Punkteverteilung; er kostete uns nur zwei Ränge in der Tabelle (von 4 auf 6) – was allerdings zu verschmerzen ist.

Noch zwei Dinge erscheinen mir erwähnenswert. Unsere Abwehr-Viererkette ist mit Dominguez auf der linken Seite um mindestens 50 Prozent stärker. Und Kruse zeigte eine großartige Reaktion. Obwohl gestern nach einigen missglückten Aktionen sogar erste Pfiffe im Borussia-Park zu hören waren, ließ er sich nicht beirren und leitete in der letzten halben Stunde fast jede gute Konteraktion ein. Bravo, Max, Applaus!

Fazit: Die Mannschaft zeigte die erhoffte Reaktion. Freuen wir uns jetzt auf  das Europa-League-Match am Donnerstag gegen Zürich. Da es sich durch die Konstellation in der Gruppe praktisch um ein K.O.-Spiel handelt, haben wir nach längerer Zeit mal wieder echtes, prickelndes Europapokal-Feeling in Mönchengladbach!