Feinkost-Abschluss eines Rohkost-Nachmittags

von Thorsten Cöhring am 15. Februar 2015

Wie vielleicht einige wissen, lebe ich im südlichen Randbezirk von “Terra Colonia”. Heißt: Zweibeinige Geißböcke, so weit das Auge reicht. Als singuläre Fohlen-Enklave habe ich’s mir im Untergrund bequem gemacht. Das funktioniert auch meistens ziemlich gut. Derbysiege sind deshalb nicht nur für meinen Verein wichtig, sondern auch für mich selbst. Dann habe ich meine Ruhe. Denn zweibeinige Geißböcke mögen über die Fohlenelf nicht reden. Zu frustrierend. Und wenn wir, wie gestern, 1:0 in der Nachspielzeit gewinnen, dann ist das dramaturgisch natürlich nahezu perfekt.

Wir schrieben die 91. Minute im ausverkauften Borussia-Park, als Thorgan Hazard eine Freistoßflanke in den Kölner Strafraum zirkelte und Granit Xhaka die Kugel per Kopf im langen Eck versenkte. Feinkost-Abschluss eines Rohkost-Nachmittags.

Der erlösende Moment: Granit Xhaka köpft in der 91. Minute zum 1:0-Sieg ein.

Denn auch im vierten Rückrundenspiel tat sich unsere Borussia sehr, sehr schwer. Zugegeben: Gegen Köln kannst du nicht Fußball spielen. Sie wollen einfach nicht spielen. Sie wollen das Spiel zerstören. Einfach, aber effektiv. Aktuell ist Köln die zweitbeste Auswärtsmannschaft der Bundesliga, nach Bayern München. An dieser Beton-Defensive haben sich in dieser Saison schon ganz andere die Zähne ausgebissen. Immerhin: Wir haben keinen Konter zugelassen, mit dem die rheinischen Nachbarn ihre Spiele zu entscheiden pflegen.

Aber andere Clubs interessieren mich nur am Rande. Wichtig sind die drei Punkte. Lange Zeit war allerdings nicht absehbar, dass wir sie einfahren würden. Nach einer halben Stunde hätte ich so ziemlich alles darauf verwettet, dass das Match so ausgeht wie das Hinspiel: 0:0. Eine von der Angst vor dem Verlieren geprägte Taktik-Schlacht.

Dass der Sieg verdient war, daran besteht letztlich kein Zweifel. Im Laufe des Spiels erhöhte Borussia die Risikobereitschaft und die letzten 20 Minuten waren geradezu grotesk: Belagerungszustand rund um den Kölner Strafraum. Acht Rotgewandete im eigenen Sechzehner. Man hatte den Eindruck, ihnen drohe die fristlose Entlassung, wenn sie den eigenen Strafraum unerlaubterweise verlassen. Wenn ich vorige Woche geschrieben habe, dass Schalke einen Catenaccio spielt, dann muss das passende Wort für die Kölner Spielweise erst noch erfunden werden.

94 Minuten dauerte das Spiel. 70 Minuten davon hatte unsere Mannschaft den Ball. Aber unserer Elf fiel nicht viel Kreatives ein. Wie schon gegen Stuttgart, Freiburg und Schalke. Neben einigen “Halbchancen” hatte unser Team nur eine einzige richtig zwingende Torgelegenheit: In der 58. Minute tauchte Max Kruse nach schönem Pass von Raffael frei vor dem Kölner Tor auf, schweiterte aber an Keeper Horn, der wenige Sekunden später auch einen 20-Meter-Schuss von Xhaka über die Latte boxte.

Ich muss gestehen: Ich habe selten über einen Treffer so gejubelt wie über Xhakas erlösendes Kopfballtor. Granit selbst wohl auch nicht, denn er rannte nach einem fulminanten 80 Meter-Sprint fast seinen eigenen Torhüter über den Haufen. Das erinnerte schon beinahe an die emotionale Explosion a la de Camargo gegen Bochum im Mai 2011.

Wie dem auch sei: Auch ein Derbysieg bringt nur drei Punkte. Aber wichtige drei Punkte, weil unsere Tabellennachbarn Schalke, Leverkusen und Augsburg allesamt gleichzeitig patzten. Jetzt geht’s am Donnerstag zum Europa League Hinspiel nach Sevilla. Ich bin gespannt, wie wir uns da verkaufen. Und am Wochenende müssen wir zum HSV – ohne Granit Xhaka, der nach seiner 5. Gelben Karte gesperrt ist.

Was haben solche Kreaturen mit Fußball zu tun? Nichts!

P.S. Nach dem Schlusspfiff stürmten einige zweibeinige Kreaturen aus dem Gäste-Fanblock das Spielfeld, die sich nicht wie Geißböcke gebärdeten sondern wie wilde Tiere. Erbarmungswürdige Kreaturen, die es im Leben zu nichts gebracht haben, die den Fußball als Bühne zum Ausleben ihrer Gewaltphantasien nutzen und deren Karriere über kurz oder lang im Knast enden wird. Ich verabscheue sie und gleichzeitig tun sie mir leid. Es sind ganz bestimmt keine Fußballfans, die ihren Club lieben.