Ein paar Gedanken im Frühling

von Thorsten Cöhring am 31. März 2015

Christoph Biermann von “11 Freunde” hat ja einen neuen Lieblingsbegriff für uns kreiert: “Der deutsche Konsensclub”. Das mag ansatzweise stimmen, geht aber in die falsche Richtung. Wir sind inzwischen eine durch und durch sympathische, positiv besetzte Marke. Fast ein Alleinstellungsmerkmal in Zeiten der Einzelmilliardäre, Aktiengesellschaften und Konzernableger im Profifußball.

Borussia ist ein Club der großen Triumphe und der unfassbaren sportlichen Tragödien. Borussia liefert den Stoff, aus dem Legenden entstehen. Borussia ist wie das richtige Leben: Euphorisierende Höhen und niederschmetternde Tiefen. Insofern ist Borussia kein Konsensclub, sondern ein Identifikationsclub. Borussia ist ein Spiegel unseres Lebens. Feiern nach Siegen, wieder aufstehen nach Niederlagen. Die Menschen finden sich in Borussia Mönchengladbach wieder.

Schon ein seltsames Gefühl, wenn dir profilierte Fußball-Desinteressierte plötzlich nach dem Sevilla-Spiel auf die Schulter klopfen und sagen: “Kopf hoch, es war ein großartiges Spiel von euch!” Oder wenn nach dem Sieg bei Bayern München plötzlich noch mehr Menschen vor deinem Schreibtisch stehen und sagen: “Glückwunsch, eine phantastische Leistung!”

Nein, wir sind nicht das “neue” Werder Bremen. Wir haben viel günstigere Voraussetzungen. Ein besseres Stadion und leidenschaftlichere Fans. Dazu eine sympathische Mannschaft und ebensolche Protagonisten. Tradition bis zum Abwinken.

Die entscheidende Frage zu diesem Zeitpunkt unserer Entwicklung lautet: Wollen wir weiter der nette kleine Understatement-Club vom Niederrhein bleiben, oder wollen wir uns mit unseren Möglichkeiten und intelligenter Vermarktung, auch auf internationalen Märkten, nachhaltig in der Bel-Etage des deutschen und europäischen Fußballs etablieren? Hilfreich zur Beantwortung dieser Frage wäre sicherlich eine Qualifikation für die Champions League. Denn wer weiß, ob und wann wir diese Chance mittelfristig noch einmal bekommen.

Ist das alles ohne Investoren möglich? Ohne Umwandlung der Betriebs-GmbH in eine Aktiengesellschaft? Ohne globale Expansion? Und wenn ja, wie? Wir sollten diese Fragen zumindest bereits heute diskutieren. Die Umsetzung würde ohnehin noch Jahre dauern.

Aber vielleicht wollen wir ja auch die niederrheinischen Underdogs Grashoffscher Prägung bleiben. Meiner Liebe zum VfL 1900 würde das keinen Abbruch tun. Aber irgendwie wäre es schade, wenn diese wunderbaren Wochen nur eine vorübergehende Episode in unserer ruhmreichen 115-jährigen Geschichte blieben. Und wenn die formidable Aufbauarbeit von Max Eberl, Lucien Favre, Stephan Schippers, Rolf Königs und allen anderen im Management irgendwann dahin rieseln würde, wie der Sand aus einer ausgestreckten Hand.