Ein Punkt und mertesackereske Auftritte

von Thorsten Cöhring am 8. März 2015

Wenn mir vor dem Spiel jemand gesagt hätte “Wir holen in Mainz einen Punkt”, dann hätte ich das sofort unterschrieben. Insofern ist das 2:2 (0:1) bei Mainz 05 ein absolut akzeptables Ergebnis. Allerdings machte das Spiel deutlich, dass es für Borussia noch ein weiter Weg zur Spitzenmannschaft ist. Wir sind immer noch der Azubi unter den Spitzenteams der Bundesliga.

20 Minuten vor dem Abpfiff hatte Borussia Mönchengladbach dieses Auswärtsspiel gewonnen. Gegen bemühte, aber biedere Gastgeber führte die Fohlenelf 0:2. Ganz im Stile eines guten Springpferdes: Es springt nur so hoch, wie es muss. In der 27. Minute köpfte Raffael eine Flanke von Traore zur Führung ein, in der 67. Minute erhöhte erneut Raffael nach einer sehenswerten Kombination über Johnson auf 0:2. Damit war für alle diejenigen, die Borussia bereits heute für eine Spitzenmannschaft halten, der Drops gelutscht.

Dann allerdings begann sich unser Team wie ein Azubi zu verhalten. Fehler über Fehler, Unsicherheit und Ängstlichkeit schlichen sich ein. Abzulesen an jenen 300 Sekunden zwischen der 73. und 77. Minute. Zunächst pfiff Schiri Fritz einen zweifelhaften Freistoß. Was eigentlich nicht weiter schlimm ist, denn natürlich trifft ein Schiedsrichter während des Spiels gelegentlich Fehlentscheidungen. Davon lebt ja der Fußball. Gegen Köln haben wir davon profitiert. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Warum können wir einen Freistoß aus 25 Metern nicht verteidigen?

Geis traf jedenfalls aus dieser Distanz zum 1:2 (73.). Eine Minute später stand Kruse allein vor dem Mainzer Kasten und drosch die Kugel an den Pfosten statt ins Netz. Und wieder drei Minuten später nutzte Okazaki ein Tohuwabohu in unserer Abwehr per Kopf zum 2:2 (77.). Und am Ende hätten wir problemlos noch verlieren können. Der Abpfiff kam einer Erlösung gleich.

Genau so spielt eine abgeklärte, abgezockte Spitzenmannschaft NICHT.

Wie eingangs gesagt: Ich finde ein Unentschieden in Mainz absolut okay. Während der “Ungeschlagen-Serie” zu Saisonbeginn hatten wir auch etliche Unentschieden und niemand hat sich darüber aufgeregt. Das Maß der Dinge ist für mich weiterhin der 6. Platz. Der würde es uns ermöglichen, in der nächsten Saison wieder Europapokal zu spielen. Unser Abstand zum Siebten beträgt jetzt immerhin 8 Punkte. Das ist schon mal was.

So weit, so gut. Aber dann…

Regelrecht verblüfft war ich ein paar Stunden nach dem Spiel. Es scheint sich tatsächlich in unserem Team ein Paradigmenwechsel anzubahnen. “Think Big” macht sich breit. Abzulesen am Auftritt von Coach Lucien Favre und dem Interview mit Tony Jantschke im ZDF-Sportstudio.

Beide waren sauer über die verlorenen Punkte. Stinksauer. Mehr als stinksauer (was ist die Steigerung von stinksauer?).

Favre verhedderte sich in seiner emotionalen Aufwallung heillos in der Argumentation (“eine Fehlentscheidung, das war kein Freistoß”, “warum sprecht ihr hier immer nur über Schiedsrichter?”). Und bei Tony Jantschke glaubte ich tatsächlich für einen Moment, Per Mertesacker mit seiner WM-Wutrede vor mir zu haben. Tony hätte am liebsten den Reporter ungegart verspeist.

Ja, so reagieren Menschen, die wild entschlossen sind, ein großes Ziel zu erreichen und keine Rückschläge (in ihrer Wahrnehmung) dulden. Geschweige denn, mit ihnen umgehen können. Totale Fokussierung auf ein Ziel. Das ist Sportpsychologie at it’s best!

Unmittelbar nach dem Mertesacker-Interview bei der WM 2014, im Anschluss an das Achtelfinale gegen Algerien, bin ich vom Sofa aufgesprungen und habe meine verdutzte Frau angeschrien: “WIR KÖNNEN WELTMEISTER WERDEN!” Was ich zuvor keine Sekunde lang geglaubt hatte.

Eine ähnliche Wirkung auf mich hatte der gestrige Auftritt unserer beiden Protagonisten. Ja, sie wollen tatsächlich. Sie wollen in die CHAMPIONS LEAGUE! Es ist spürbar. Und ich finde das super! Du brauchst große Ziele.

Schlimm ist allerdings, wenn die großen Ziele unrealistisch sind. Dann kann es zwangsläufig nur Enttäuschungen geben. Ist die Champions League für uns wirklich realistisch? Haben wir die Qualität? Puuuhhh, eine ganz schwere Frage. Fakt ist: Wir haben im letzten Saisonviertel noch acht “Sechs-Punkte-Spiele” gegen direkte Konkurrenten aus der oberen Tabellenhälfte zu absolvieren. Megahart! Es wäre für den “Azubi Borussia” die Meisterprüfung. Auf der anderen Seite: Mehr als durchfallen können wir nicht…

Laut Hans-Meyer-Tabelle steuern wir derzeit auf 56 Punkte zu. Als kleine Orientierungshilfe die Durchschnittspunktzahl der Bundesligaränge 3 bis 6 aus den vergangenen zehn Spielzeiten:

  • 3. Platz: 64 Punkte
    Der Dritte hatte zuletzt 2004/05 weniger als 60 Punkte (Werder Bremen, 59).
  • 4. Platz: 59 Punkte
    Die niedrigste Punktzahl, die in den vergangenen 10 Jahren für Platz 4 ausreichte, war 54 (Hamburger SV, 2007/08).
  • 5. Platz: 56 Punkte
    Die Punkte des Fünften schwankten in den vergangenen 10 Spielzeiten zwischen 51 und 61.
  • 6. Platz: 53 Punkte
    Weniger als 50 Punkte reichten in den vergangenen zehn Jahren nur drei Mal für Rang 6.

Bevor es, beginnend mit dem Auswärtsspiel in München, ab dem 26. Spieltag “ans Eingemachte” geht, sollten wir unbedingt am kommenden Sonntag gegen Hannover noch einen Dreier einfahren. Ein Pflichtsieg – für große Ziele…