Niederrheinisches Her(r)mannsdenkmal

von Thorsten Cöhring am 12. April 2015

Das Pokal-Aus am Mittwoch war ärgerlich, aber nicht tragisch. Dennoch quälte mich drei Tage lang die fundamentale Frage: Hat diese Pleite beim Drittligisten das Selbstbewusstsein unserer Mannschaft angeknackst? Die einzig wahre Borussia hat eine klare Antwort gegeben: 3:1 (2:0) über Borussia Dortmund.

Der Einzige, der am Samstag den Eindruck machte, von der Biefefelder Niederlage mittelschwer traumatisiert zu sein, war unser Coach Lucien Favre. Er bügelte alle Reporterfragen zum Pokal auf allen Sendern derart unwirsch ab, dass ich mich gefragt habe: Was bezweckt er damit? Schließlich hätte er am Samstag ab 17.30 Uhr allen Grund gehabt, in staatsmännischer Manier über den Dingen zu stehen und mit beiläufiger Nonchalance das Pokal-Aus als kleinen Betriebsunfall zu deklarieren, den die Mannschaft großartig wieder ausgebügelt hat. Aber okay, ich bin nicht sein Kommunikationsberater.

Fakt ist: Ein Sieg über Borussia Dortmund ist nicht selbstverständlich. Klar, Dortmund spielt eine vergleichsweise schlechte Saison – was für gelb-schwarze Verhältnisse heißt: Der Club qualifiziert sich nicht für die Champions League. Aber in der Substanz ist uns der BVB in allen Belangen hoch überlegen. Der Marktwert des Kaders ist laut transfermarkt.de fast drei Mal so hoch wie unserer, der Lizenzspieler-Etat dürfte unseren ebenfalls um mindestens das Dreifache übersteigen. Der Zuschauerschnitt ist fast doppelt so hoch. Wer ernsthaft behauptet, in einem Duell der beiden Borussias sei Mönchengladbach der Favorit, der verkennt die Realitäten grundlegend. Selbst der Begriff “Augenhöhe” ist aus meiner Sicht vermessen.

Insofern ist dieses 3:1 ein bemerkenswerter Erfolg. Wobei uns das frühe 1:0 nach exakt 28 Sekunden Spielzeit durch Wendts Nachsschuss, nach toller Kombination über Raffael, Herrmann und Johnson, natürlich in die Karten spielte. Aber wie sich die Mannschaft fortan präsentiert, war beeindruckend. Vor allem die mannschaftliche Geschlossenheit, bei extrem niedriger Fehlerquote. Dortmund dominierte das Spiel, hatte mehr Ballbesitz und mehr Torschüsse, aber zwingend waren die Angriffsaktionen der Gäste nicht.

Unsere Borussia machte hingegen das, was sie am besten beherrscht: Extrem tief verteidigen und raketenartig kontern. Zum Beispiel in der 32. Minute, als der alles überragende Patrick Herrmann zu einem usainboltartigen Sololauf ansetzte, der den ausverkauften Borussia-Park in Verzückung und Raserei versetzte. Seinen Querpass schob Raffael zum 2:0 ins leere Tor. Für diese Aktion hätten ihm die Fans vermutlich am liebsten ein Denkmal gebaut. Das niederrheinische Her(r)mannsdenkmal, sozusagen. Wie großartig muss eine Nationalmannschaft besetzt sein, dass sie auf so einen Spieler verzichten kann?

Die hoch verteidigenden, aber wenig organisierten Dortmunder fingen sich in der Folgezeit noch eine ganze Reihe solcher Konter ein: Herrmann zog einmal knapp übers Tor (43.) und scheiterte freistehend an Keeper Weidenfeller (49.), Wendt verzog freistehend (62.). Nach einer Kruse-Ecke fiel Nordtveit der Ball vor die Füße und er drosch die Kugel humorlos auf fünf Metern zum 3:0 in die Maschen (67.). Dortmund bemühte sich, doch mehr als das 3:1-Ehrentor durch Gündogan (77.) sprang nicht mehr heraus. Damit steht auch rechnerisch fest, dass wir am Ende der Saison VOR Borussia Dortmund stehen werden. Wer hätte das für möglich gehalten!

Der Sieg basierte auf einer exzellenten Teamleistung. Dennoch möchte ich zwei Spieler herausheben. Patrick Herrmann hat in den vergangenen Wochen sehr gut gespielt, aber so gut wie gestern war er noch nie. Und in der Abwehr war Roel Brouwers mehr als nur Ersatz für den verletzten Kapitän Martin Stranzl. Er agierte als mobiles Räumkommando im eigenen Strafraum. Ob vertikal oder horizontal – sobald ein Gelber auf den Ball schielte, war Roel zur Stelle. A la bonheur!

Wie ist unsere Ausgangsposition vor dem Auswärtsspiel in Frankfurt am Freitag? Zwei Punkte Vorsprung auf den Vierten (Leverkusen) und zwölf (!!!) Punkte Vorsprung auf den Fünften (Schalke). “Wenn wir das noch verspielen, dann höre ich auf mit Fußball”, gab Granit Xhaka gestern nach dem Spiel zu Protokoll. Um Platz 4 zu zementieren, brauchen wir also theoretisch noch sieben Punkte, praktisch dürften allerdings auch vier reichen. Aber die müssen wir erst einmal einfahren. Ob wir die derzeit bärenstarken Leverkusener im Kampf um Platz 3 im Saison-Schlussspurt halten können, wage ich immer noch zu bezweifeln. Die Hoffnung ist, dass wir das Rennen bis zum 32. Spieltag offen halten. Dann kommt Bayer in den Borussia-Park…

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