An Tagen wie diesem…

von Thorsten Cöhring am 17. Mai 2015

…wünscht man sich Unendlichkeit. Ja, Campino, du hast recht. Gestern war so ein Tag. Ein Tag der Freudentränen, der Gänsehaut und der Schauer auf dem Rücken. Der zementierte 3. Platz in der Saison 2014/15, verbunden mit dem Einzug in die Champions League, ist für Borussia Mönchengladbach so etwas wie der Olymp. Unsere Jungs recken keinen Pokal in die Höhe und dennoch sind sie Helden. Denn sie haben etwas geschafft, was viel großartiger und wichtiger ist, als für einen winzigen Moment einen mit Edelsteinen verzierten Blechbehälter in der Hand zu halten. Nämlich die Renaissance eines großen deutschen Traditionsvereines. Der VfL 1900 Borussia Mönchengladbach ist wieder da! In stolzer Blüte. Nur vier Jahre nachdem uns, klinisch für tot erklärt, plötzlich ein ebenso pfiffiger wie exzentrischer Schweizer aus dem Sarg gezerrt hat.

Ich bin seit 48 Jahren Borussia Mönchengladbach verfallen. Mit Haut und Haaren, mit jeder Faser meines Körpers. Ich habe in dieser Zeit viele Menschen kommen und gehen sehen. Im Verein, im Management und auf dem Rasen. Jetzt ist es an Zeit, den aktuellen Protagonisten die Ehre zu erweisen. Ich danke allen im Verein um Präsident Rolf Königs, unserem Management um Max Eberl und Stephan Schippers, der sportlichen Leitung um Lucien Favre und nicht zuletzt der Mannschaft um Kapitän Martin Stranzl für eine grandiose Saison. Für mitreißende Nachmittage und Abende im Borussia-Park. Und vor allem dafür, dass alle Borussinnen und Borussen nach vielen Jahrzehnten des Leidens, des Bangens und des Hoffens stolzer denn je die Raute im Herzen tragen. Das gilt vor allem für diejenigen Jahrgänge, die bislang noch gar nicht wussten, wie sich Erfolg überhaupt anfühlt.

rueckrunde

Borussia Mönchengladbach grüßt als bestes Rückrundenteam 2014/15!

Der 16. Mai 2015 geht in die Annalen der Borussia ein. Nicht nur wegen der Qualifikation für die Champions League, der ersten Teilnahme am höchsten europäischen Wettbewerb seit 1977/78. Nein, auch deshalb, weil wir unsere aktuell längste Negativserie in der Bundesliga beendeten. Der 0:2 (0:0)-Erfolg bei Werder Bremen war Borussias erster Sieg an der Weser seit 28 Jahren.

In vielerlei Hinsicht war diese Partie beinahe sinnbildlich für die gesamte Saison. Die Fohlenelf spielte abgeklärt, konzentriert und mit Selbstvertrauen. Ohne zwingenden Druck zu entwickeln, stattdessen immer auf die entscheidende Lücke lauernd. Und am Ende des Tages auch mit dem nötigen Quentchen Glück.

Die erste Halbzeit schleppte sich eher dahin, trotz 70 Prozent Ballbesitzes für Borussia. Wendts abgefälschte Hereingabe landete zufällig am Pfosten (13.) und Dominguez schoss nach einer Ecke aus kurzer Distanz den Bremer Keeper Casteels an (35.). Das war’s. Ziemlich unspektakulär.

Unmittelbar nach Wiederanpfiff die vermutlich entscheidende Szene des Spiels: Nach dem besten Bremer Angriff über Öztunali schloss Selke direkt ab, doch Yann Sommer drehte den Ball, entgegen seiner eigenen Bewegungsrichtung, mit den Fingerspitzen um den Pfosten (46.). Ein nahezu unglaublicher Reflex. Wenig später sah Xhaka eine Lücke in der Bremer Abwehr, seinen diagonalen Steilpass erlief Kruse und dessen flache Hereingabe kullerte Raffael mit dem Knie irgendwie zum 0:1 über die Linie (53.).

Ganz ehrlich: So passieren die Dinge nur, wenn du einen Lauf hast. Das geht eigentlich gar nicht!

Bremen hatte noch eine Ausgleichschance durch Sternberg (75.), aber ansonsten hatte man nie das Gefühl, es könne noch einmal gefährlich werden. In der 86. Minute machte unsere Mannschaft schließlich den Deckel drauf. Ich gönne es Hahn, dass er daran maßgeblich beteiligt war. Nach einem verlorenen Zweikampf gegen Lukimya setzte er energisch nach und erzwang einen Querschläger des Bremers. Der Ball landete vor Raffaels Füßen und der Brasilianer schob mutterseelenallein vor dem Tor zum 0:2 ein.

Am Samstag werde ich, frei von jeder Anspannung, in den Borussia-Park fahren, mich genüsslich zurücklehnen, mir unser letztes Saisonspiel gegen den FC Augsburg ansehen und mich auf die Choreo der Nordkurve freuen.

Und vielleicht sollte ich nach dem Schlusspfiff noch sitzen bleiben. In der Hoffnung auf Unendlichkeit.