Mit zwei Punkten Vorsprung ins “Spiel der Spiele”

von Thorsten Cöhring am 3. Mai 2015

Ich habe bekanntermaßen eine sehr hohe Meinung von Ibrahima “Ibo” Traore. Deshalb ärgere ich mich schon die gesamte Saison darüber, dass er sein Potential so selten ausspielt. Aber eines muss ich ihm lassen: Für sein erstes Saisontor konnte er sich keinen besseren Moment aussuchen als heute Abend in Berlin.

Wir schrieben die 85. Minute und alles schien auf ein 1:1 bei Hertha BSC hinauszulaufen, als “Ibo” zu seinem Lieblingstwist ansetzte: Von der rechten Seite in die Mitte ziehen und den Ball mit dem linken Innenrist ins lange Ecke zwirbeln. 1:2! Der erlösende Siegtreffer in einem Spiel, das wir locker 6:1 hätten gewinnen müssen.

Bereits vor der Partie war unsere Elf unter Druck. Da Bayern München, wie schon im Vorjahr unter ähnlichen Voraussetzungen in Augsburg, sein Spiel in Leverkusen kampflos abgeschenkt hatte, mussten wir in Berlin unbedingt gewinnen, um den 3. Platz zurückzuerobern.

Unsere Mannschaft hatte, unterstützt von 8.000 (!) Fans im Olympiastadion, die Botschaft verstanden und begann sehr konzentriert. Nach einem Fehler von Skjelbred legte Raffael für Kruse auf und der schob die Kugel vom Elfmeterpunkt ins Netz (11.). Dummerweise liefen wir 90 Sekunden später in einen Berliner Konter und Stocker verwandelte einen Abstauber per Kopf zum 1:1-Ausgleich (13.).

Was dann folgte, zerrte bis zur Unerträglichkeit an den Nerven. 80 Minuten lang ein Spiel auf ein Tor. Hertha verteidigte ordentlich, aber unsere wirklich gut spielende Borussia hatte Chancen bis zum Abwinken. Kleine Auswahl gefällig? Keeper Kraft wehrte Xhakas Distanzschuss bravourös ab (25.), Kramer verstolperte freistehend am Fünfmeterraum (37.), Xhaka schoss völlig freistehend am Tor vorbei (43.), Johnson schoss einen Freistoß um Zentimeter am Tor vorbei (56.) und scheiterte frei vor Kraft (57.), Kruses Schuss strich am Tor vorbei (63.), ebenso Xhakas Volleyschuss von der Strafraumgrenze (66.). Irgendwann näherst du dich als Zuschauer bedenklich dem kompletten Wahnsinn.

Wer solche Chancen vergibt, wird im Fußball üblicherweise dafür bestraft. Und wenn wir Traores Siegtor einmal außen vor lassen, dann wurde heute wieder einmal mehr als deutlich, was uns gegenüber den absoluten Top-Teams noch fehlt: Die Qualität und Kaltschnäuzigkeit im Abschluss. Da nutzt dir auch ein Ballbesitzanteil von sage und schreibe 73 (!) Prozent wenig, denn Ballbesitz schießt keine Tore.

Aber was soll’s, Sieg ist Sieg. Ich will nicht mehr meckern. Vor allem drei Spieltage vor Schluss. Jetzt haben wir am Samstag gegen Leverkusen die Riesenchance, im Borussia-Park den entscheidenden Schritt in Richtung Champions League zu machen. Es wäre eine echte sportliche Tragödie, wenn wir in unserer besten Saison seit 1983/84 die europäische Königsklasse verpassen würden.

Wir müssen Leverkusen mit purem Willen in die Knie zwingen. Unsere Mannschaft muss kühlen Kopf bewahren, aber von den Rängen brauchen wir Emotionen pur. Borussinnen und Borussen, wir alle zusammen müssen den Borussia-Park in seinen Grundfesten erbeben lassen! Zusammen können wir es schaffen! Wir sind ganz nah dran!