Zwei Matchbälle für die Champions League!

von Thorsten Cöhring am 10. Mai 2015

Einst hatten alle Anhänger von Borussia Mönchengladbach einen Traum. Einen Traum, der so unerreichbar schien, wie eine Reise in ein anderes Sonnensystem. Den Traum, sich einmal in der Champions League mit den besten Teams Europas messen zu dürfen. Den Traum, einmal dazuzugehören, zur Creme de la Creme. Den Traum, vielleicht einmal im Nou Camp oder in Bernabeu zu spielen. Den Traum, einmal die Millionen einzusacken, die die UEFA in diesem Wettbewerb großzügig verteilt. Dieser Traum ist seit gestern keine Illusion mehr. Die Erfüllung ist zum Greifen nahe. Es fehlen nur noch ein paar Zentimeter…

Nach dem 3:0 (0:0)-Sieg über Leverkusen beträgt unser Vorsprung auf Bayer fünf Punkte. Zwei Spieltage vor Schluss. Wegen der Tordifferenz wären wir bei Punktgleichheit auf jeden Fall im Hintertreffen. Heißt erstens: Wir brauchen noch zwei mickrige Pünktchen. Entweder je ein Unentschieden aus den beiden Spielen in Bremen und gegen Augsburg, oder noch einen Sieg. Oder es heißt zweitens: Leverkusen darf eines seiner beiden Abschlussspiele gegen Hoffenheim und in Frankfurt nicht gewinnen. Ich hoffe, wir können einen reinen Nervenkrimi am letzten Spieltag vermeiden. Und falls es dennoch zum Showdown mit Augsburg am 23. Mai kommen sollte, mögen sich bitte Tony Jantschke, Patrick Herrmann und Granit Xhaka in Bremen keine Gelb-Sperre abholen.

150509_bmglev

“Die Seele brennt” und der Borussia-Park kocht!

Es war ein hochemotionaler Nachmittag gestern vor ausverkauftem Haus im Borussia-Park. Es ist seit Wochen in jeder Sekunde spürbar: Mannschaft und Fans brennen für das große Ziel. Wenn ich sage: Bayer Leverkusen war neben dem FC Sevilla die beste Mannschaft, die in dieser Saison im Borussia-Park gespielt hat, dann bedeutet das im Umkehrschluss: Borussia Mönchengladbach hat ein großes Spiel gemacht. Für mich war das die beste Saisonleistung!

Denn Leverkusen spielt schon ein faszinierendes System. Ich habe sie zum ersten Mal unter Coach Roger Schmidt live gesehen und war über weite Strecken beeindruckt. Wie sie es schaffen, überall auf dem Spielfeld in Ballnähe massive Überzahl zu schaffen und trotzdem blitzschnell wieder in der Grundordnung zu stehen – das ist einzigartig. Habe ich in dieser Konsequenz noch nie zuvor gesehen. In der Anfangsviertelstunde kam Borussia so gut wie nie über die Mittellinie, weil sich ständig mindestens sieben “Rote” in unserer Spielhälfte tummelten.

Aber unsere Mannschaft verteidigte es exzellent. Mehr als ein Abseitstor von Kießling (34.) und ein Weitschuss von Son (38.), den Sommer gerade um den Pfosten drehte, sprang für Leverkusen nicht heraus. Im Gegenteil: Die extrem risikoreiche Spielweise der Gäste ermöglichte uns etliche unserer typischen Hochgeschwindigkeits-Konter. Zunächst scheiterte Kruse (20.) freistehend an Keeper Leno, dann traf Kramer (26.) volley die Kugel nicht präzise genug und die größte Chance vergab Herrmann (31.), der gleich zweimal freistehend Leno nicht überwinden konnte.

Ein genialer Moment von Xhaka war kurz nach Wiederanpfiff der Ausgangspunkt des 1:0-Führungstreffers: Einen Freistoß führte der Schweizer mit einem Zuckerpass blitzschnell aus, Herrmann war auf dem rechten Flügel völlig allein und seine millimetergenaue flache Hereingabe drückte Kruse aus zwei Metern über die Linie (50.). Die Entscheidung fiel in der 81. Minute. Nach einem Freistoß wehrte Leno Kramers 22-Meter-Schuss zu kurz ab und Herrmann verwandelte im Nachschuss zum 2:0.

Da dieses Tor später in den TV-Sendern als irregulär und glücklich dargestellt wurde, möchte ich nur so viel dazu sagen: Ja, es ging möglicherweise kein Foul an Raffael voraus und ja, Herrmann stand bei Kramers Schuss vielleicht 0,87454 Millimeter im Abseits. Aber in der 39. Minute hatte Schiri Gagelmann einen glasklaren Elfmeter für Borussia nicht gegeben, als Herrmann von Bender umgesenst wurde. Unter Berücksichtigung dieser unfassbaren Fehlentscheidung würde ich mal von ausgleichender Gerechtigkeit sprechen.

Das 3:0 durch den robbenesken Schlenzer von Ibrahima Traore (88.) war schließlich nur noch das Sahnehäubchen. Fast eine Kopie übrigens seines Siegtores in Berlin vor einer Woche.

Jetzt heißt es eine Woche warten. Es gab schon Phasen in meinem Leben, da war ich ruhiger und gelassener. Aber ich baue auf meine Mannschaft, die mir in dieser Saison bislang so unglaublich viel Freude bereitet hat. Beste Rückrundenmannschaft, seit zwölf Spielen ungeschlagen, neun Heimsiege hintereinander – Fan-Herz, was willst du mehr?

P.S.

Interessant ist übrigens die direkte Bilanz der TOP 4 in dieser Saison gegeneinander. Besonders die Platzierung von Bayern München. Und: Wir haben von den direkten Duellen nur ein einziges (!) verloren, nämlich in Wolfsburg.

Bayern München – VfL Wolfsburg 2:1
VfL Wolfsburg  – Bayer Leverkusen 4:1
Borussia Mönchengladbach – Bayern München 0:0
VfL Wolfsburg – Borussia Mönchengladbach 1:0
Bayern München – Bayer Leverkusen 1:0
Bayer Leverkusen – Borussia Mönchengladbach 1:1
VfL Wolfsburg – Bayern München 4:1
Bayer Leverkusen – VfL Wolfsburg 4:5
Bayern München  – Borussia Mönchengladbach 0:2
Borussia Mönchengladbach – VfL Wolfsburg 1:0
Bayer Leverkusen – Bayern München 2:0
Borussia Mönchengladbach – Bayer Leverkusen 3:0
Tabelle: Spiele S U N Tore Punkte
1. VfL Wolfsburg 6 4 0 2 15:9 12
2. Borussia Mönchengladbach 6 3 2 1 7:2 11
3. Bayern München 6 2 1 3 4:9 7
4. Bayer Leverkusen 6 1 1 4 8:14 4

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: