Bilanz 2014/15: Eine Saison der Rekorde

von Thorsten Cöhring am 27. Juni 2015

Etwas Distanz kann nicht schaden bei der Bewertung der abgelaufenen Saison 2014/15. Deshalb erst jetzt meine zusammenfassende Bilanz.

Für Borussia Mönchengladbach war es eine Saison der Rekorde. Vereinsbestmarken im Akkord. Ich kann und will gar nicht alle aufzählen. Exemplarisch: Die beste Platzierung seit 28 Jahren; die meisten Punkte seit 31 Jahren; die meisten Siege seit 31 Jahren; die wenigsten Niederlagen seit 37 Jahren; die meisten Siege in einer Rückrunde seit 41 Jahren; die meisten Spiele ohne Gegentor aller Zeiten (wie 2011/12 schon einmal). Wer weit über das hinaus noch mehr Zahlen und Fakten zu Borussia wissen will, dem sei übrigens die entsprechende Wikipedia-Seite empfohlen.

Aber nicht nur sportlich manifestiert sich der Höhenflug, auch ökonomisch: Höchster Umsatz aller Zeiten (knapp 130 Mio. Euro) und höchster Gewinn aller Zeiten (knapp 13 Mio. Euro nach Steuern). Und das bei einer Eigenkapitalquote (Verhältnis Eigenkapital zur Gesamtbilanzsumme) von fast unglaublichen 30 Prozent.

Zudem steigt die Popularität, vor allem bei den jüngeren Generationen, die die Fohlenelf über Jahrzehnte gar nicht wahrgenommen hatten, in Deutschland und sogar weltweit. Unser Club zählt inzwischen fast 67.000 Mitglieder und erwirtschaftete 11 Mio. Euro Umsatz im Merchandising.

Wenn ich vier Jahre zurückblicke, auf den Fast-Abstieg 2011, dann ist diese Entwicklung kaum zu fassen. Sie macht mich stolz und glücklich. Zufall? Eintagsfliege? Keineswegs! Aber auch kein Lorbeer, auf dem es sich auszuruhen gilt.

Es gibt in der Bundesliga eine Fraktion von Clubs, bei denen der dauerhafte sportliche Erfolg auf nie versiegende und ewig sprudelnde Geldquellen zurückzuführen ist. Dazu zählen München, Dortmund, Schalke, Wolfsburg, Leverkusen und Hoffenheim, demnächst auch Leipzig. Die Strukturen sind unterschiedlich (von der AG über die Konzerneinbettung bis hin zu Großsponsoren oder Privatinvestoren), der Effekt ist jedoch überall der gleiche: Sie alle müssen sich keine Sorgen um Liquidität machen.

Besonders offensichtlich bei der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH, einer 100-prozentigen Tochter der Volkswagen AG. Laut sportschau.de pumpt die Konzernmutter jährlich 70 Mio. Euro in das sportliche Tochterunternehmen. Fußball als Vehikel für Marken- und Imagemarketing: So was funktioniert prima in Deutschland. Angesichts dieser finanziellen Grundausstattung würde ich mir durchaus zutrauen, auch eine halbwegs vernünftige Mannschaft auf die Beine zu stellen.

Bei Borussia ist das anders. Die DNA des VfL 1900 besteht aus der tiefen Liebe und Treue der Fohlenfans. Unser Club gehört uns Mitgliedern und Anhängern. Und nicht irgendwelchen tagesformabhängigen Unternehmen oder Investoren. Der “Borussia Verein für Leibesübungen 1900 e.V” ist Alleingesellschafter der “Borussia VfL 1900 Mönchengladbach GmbH”, die die Profi-Abteilung betreibt. Das ist einerseits beruhigend, andererseits verschafft es uns veritable Wettbewerbsnachteile. Und es bedeutet vor allem: Wir sind abhängig von der Qualität unseres Managements. Ökonomisch und sportlich. In den vergangenen Jahrzehnten war das mitunter ein Problem – um es vorsichtig auszudrücken.

Inzwischen ist es das nicht mehr. Das großartige Ergebnis dieses Sommers basiert auf dem Fundament, das unser Management um Stephan Schippers, Max Eberl und Lucien Favre in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Das garantiert nicht in jeder Spielzeit den überragenden sportlichen Erfolg. Aber es nährt die Hoffnung, dass wir uns auf Dauer unter den Top 10 der Liga etablieren werden. Eine beruhigende Vorstellung, nachdem wir vor nicht allzu langer Zeit drauf und dran waren, zur „Fahrstuhlmannschaft“ zu werden.

Langer Rede kurzer Sinn: Der großartige 3. Platz 2014/15, verbunden mit der Qualifikation für die Champions League, ist für Borussia das Ergebnis eigener Arbeit. Unter Ausnutzung längerer Schwächeperioden der finanzstärkeren Konkurrenz (Dortmund, Schalke, Hoffenheim). Zwei Stränge, die zusammenlaufen müssen. Kaum vorstellbar, dass wir unter diesen Rahmenbedingungen (Beibehaltung der ökonomischen Unabhängigkeit) künftig die Champions League regelmäßig erreichen werden.

Kommen wir zu den sportlichen Aspekten.

Meine Einschätzung in den drei Wettbewerben:

  • Bundesliga: top – das Optimum, mehr war nicht drin, für uns fast so etwas wie die Meisterschaft
  • Europa League: erwartungsgemäß – wir haben die besiegt, die wir schlagen konnten; Sevilla war eine Nummer zu groß
  • DFB-Pokal: enttäuschend – eine verschenkte Großchance mit dem Aus im Viertelfinale beim Drittligisten Bielefeld

Abgesehen von einer paar Kurzeinsätzen von Mo Dahoud haben wir die gesamte Saison mit 18 Spielern bestritten. Über die gesamte Saison gesehen waren für mich Yann Sommer, Martin Stranzl, Granit Xhaka und Patrick Herrmann unsere überragenden Leistungsträger. Im Einzelnen:

Tor:

Yann Sommer spielte eine prächtige erste Saison. Die Zuverlässigkeit in Person. Keiner spricht mehr von ter Stegen. Mehr kannst du nicht erwarten. Die Fohlenfans wählten ihn auf borussia.de zum „Spieler der Saison“. Ich sehe das etwas anders (siehe unten), ohne Yanns Leistung damit abwerten zu wollen.

Abwehr:

In unserer Abwehr stimmt die Mischung. Martin Stranzl ist der Chef. Als Persönlichkeit ist er der unumstrittene Kopf der Truppe. Und mit inzwischen 35 Jahren die besten Zweikampfwerte der gesamten Liga zu haben – das muss ihm erstmal einer nachmachen. Tony Jantschke hat sich noch einmal gesteigert und ist längst reif die Nationalmannschaft. Egal, ob als Außen- oder Innenverteidiger. Gleiches gilt für Alvaro Dominguez, der ebenfalls vielseitig verwendbar ist. Oscar Wendt hat sein Defensivverhalten, speziell das Stellungsspiel, deutlich verbessert. Offensiv war er schon immer gut. Umgekehrt bei Julian Korb: Er hat seine Stärken im Defensivverhalten, muss aber in der Vorwärtsbewegung unserem Spiel noch deutlich mehr Impulse geben. Und Roel Brouwers? Er ist ein Phänomen. Ich kenne keinen Spieler, der so viel Qualität von der Bank bringen kann. Ihn kannst du notfalls auch nachts um 3 Uhr auf den Rasen schicken, er wäre sofort hellwach. Gut, dass er bleibt.

Mittelfeld zentral:

Granit Xhaka ist unser Bester. Für mich zweifellos der „Spieler der Saison“, wie schon in der Saison zuvor. Der Lenker und Denker unseres Spiels. Wenn er sein bisweilen überschäumendes Temperament noch in den Griff bekommt, kann ihm in der Bundesliga keiner das Wasser reichen. Wir können glücklich sein, ihn in unseren Reihen zu haben. Christoph Kramer konnte nicht ganz an seine Glanzleistungen aus der Saison 13/14 anschließen, war aber dennoch als „abräumender“ Sechser ein unverzichtbares Puzzleteil des Teams. Havard Nordtveit ist ein jederzeit zuverlässiger Backup.

Mittelfeld außen:

Patrick Herrmann spielte seine bislang beste Saison für Borussia. Er spielte so gut, dass am Ende sogar der Bundestrainer nicht mehr an ihm vorbei konnte. Elf Treffer und überragende Laufleistungen sprechen für sich. Klasse, dass er seinen Vertrag verlängert hat! Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass Fabian Johnson bei uns auf der Mittelfeld-Außenbahn spielt und nicht Außenverteidiger. Er repräsentiert in dieser Rolle die eher defensive Variante unseres Spielsystems. Ibrahima Traore ist ohne Zweifel einer unserer talentiertesten Spieler. Ich hoffe immer noch, dass er sich auf Dauer einen Stammplatz erkämpfen wird, denn er verfügt über eine Körperbeherrschung, Ball-und Schusstechnik wie kein anderer in unserem Kader. Andre Hahn startete stark in die Saison, litt aber zunehmend darunter, dass er seine offensiven Qualitäten nicht zur Geltung bringen konnte. Er kann mehr als er bislang gezeigt hat. Ähnlich sieht es aus bei Thorgan Hazard, der ebenso wie Hahn in der Rückrunde nur noch zu sporadischen Einsätzen kam.

Angriff:

Raffael war mit 12 Treffern unser Top-Torjäger der Saison. Insbesondere in den Auswärtsspielen präsentierte er sich mehrfach als „Knipser“ und machte die wichtigen Buden. Er hatte im Laufe des Jahres mehrere Durchhänger, aber in wichtigen Momenten war auf ihn Verlass. Max Kruse spielte eine ordentliche Saison, aber er ist und bleibt halt kein echter Stürmer. Ein Thema für sich ist Branimir Hrgota, der in der Rückrunde überhaupt keine Rolle mehr spielte. Ich zweifele immer mehr, ob er bei Borussia eine Zukunft hat. Aber vielleicht belehrt er mich ja in der kommenden Saison eines Besseren. Würde mich freuen.

Ausblick auf 2015/16:

Mit Kramer und Kruse verlassen uns zwei wichtige Stammspieler der beiden vergangenen Jahre, deren Fehlen das Mannschaftsgefüge allerdings kaum ins Wanken bringen dürfte. Stand heute verstärken wir uns mit Lars Stindl, Josip Drmic und Nico Elvedi. Stindl ist sicher kein 1:1-Ersatz für Kramer, er ist eher, wie Xhaka, ein „Achter“ als ein „Sechser“, also ein Spieleröffner. Wir haben demzufolge momentan keinen „abräumenden” Sechser, also einen lauf- und zweikampfstarken Balleroberer. Mit Drmic haben wir erstmals nach de Jong wieder einen klassischen Strafraumstürmer in unseren Reihen. Der 18-jährige Elvedi ist eine Zukunftsinvestition in den Abwehrbereich.

Aufgrund der personellen Wechsel wird sich auch das Spiel unserer Fohlenelf verändern müssen. Auf den ersten Blick sind wir offensiv durchschlagskräftiger aufgestellt. Drmic ist allerdings kein Ballschlepper wie Kruse, er muss eingesetzt werden. Von außen und durchaus mal mit einem Stilmittel, das wir nahezu abgeschafft hatten: hohe Flanken.

Ob unser defensives Umschaltspiel mit zwei „Achtern“ statt der Kombination „Sechser/Achter“ noch so gut wie bisher funktionieren wird, ist eine der großen und entscheidenden Fragen in der neuen Saison. Für mich sind die Verpflichtungen jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung, denn sie machen unser Spiel insgesamt variabler. Hoffe ich zumindest…

Ich freue mich auf die neue Saison und vor allem auf das große „sportliche Abenteuer“ Champions League. Lasst uns die großen Fußballabende im Borussia-Park genießen – auch wenn wir auf der großen Bühne sicher nicht jedes Spiel gewinnen werden.

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