Wie ein Absteiger

von Thorsten Cöhring am 15. August 2015

Die Sommerpause ist eine schöne Zeit. Da kann man seine Mannschaft, unwiderlegt von irgendwelchen Realitäten, für die beste Mannschaft der Welt halten. Und dann kommt der erste Spieltag der neuen Saison.

Vor ein paar Tagen sagte ich zu einem Arbeitskollegen, heißer Dortmund-Fan, folgenden Satz: “Es wird kein enges Spiel. Es wird ein Schlachtfest. Eine der beiden Mannschaften gewinnt mit mindestens drei Toren Differenz.”

Gemeint war die bevorstehende Partie zwischen Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach am 1. Spieltag der Saison 2015/16. Und ich war mir nicht sicher, wer wen abschlachten würde.

Seit heute Abend weiß ich es: Dortmund hat die Fohlenelf nach allen Regeln der Fußballkunst in seine Einzelteile zerlegt. 4:0 hieß es nach 90 absolut einseitigen Minuten durch Reus (15.), Aubameyang (21.) und zweimal Mkhitaryan (33. und 50.).

Das Ergebnis ist für Borussia Mönchengladbach über alle Maßen schmeichelhaft. Die Fohlenelf wurde vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Über eine zweistellige Niederlage hätten wir uns nicht beklagen können.

Nun gehören zu solchen Spielen gewöhnlich zwei Mannschaften. Eine, die die andere über den Haufen spielt. Und eine, die sich über den Haufen spielen lässt. Mich interessiert nur Zweiteres.

Borussia Mönchengladbach spielte 90 Minuten lang wie ein Absteiger. Ohne Selbstvertrauen. Saft- und kraftlos. Angsterfüllt und ohne Gegenwehr.

Das war keine normale Niederlage. Das war einfach nur beängstigend. Gespenstisch. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich an diese 90 Minuten zurückdenke.

Längst vergessene Assoziationen zu einer 2:8-Niederlage gegen Leverkusen oder einem 1:7 in Wolfsburg kamen während der 90 Minuten wieder hoch.

Ich gebe zu: Ich bin nicht traurig oder verärgert. Ich bin schockiert. Tief schockiert. Und das wird vermutlich noch ein paar Tage anhalten.

Am Sonntag, im ersten Heimspiel gegen Mainz, steht die Fohlenelf in der Pflicht. JEDER, aber auch wirklich JEDER, dessen Herz für Borussia schlägt, erwartet jetzt ein Lebenszeichen von der Mannschaft. Ich meine damit so etwas wie Leidenschaft. Oder Entschlossenheit.

Bis dahin hat auch Trainer Lucien Favre Zeit darüber nachzudenken, ob eine Innenverteidigung, bestehend aus einem 19-Jährigen und einem 20-Jährigen, Bundesliga-Ansprüchen genügt.

Und unsere “Stars” haben Gelegenheit darüber nachzudenken, ob sie bereit sind, für ihr Geld auch mal über lockeres Jogging-Tempo hinauszugehen und dorthin zu gehen, wo Fußballspielen weh tut. Oder ob sie sich lieber in Ruhe im Glanz der vergangenen Saison sonnen wollen.

Und Max Eberl hat Gelegenheit darüber nachzudenken, ob angesichts der anscheinend längerfristigen Verletzungen von Stranzl und Dominguez nicht ZWINGEND ein erfahrener Innenverteidiger verpflichtet werden muss. Alles andere wäre gegenüber dem Verein grob fahrlässiges Verhalten. Das sage ich übrigens nicht erst seit diesem Desaster.

So, jetzt will ich den heutigen Tag nur noch vergessen.

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