Wo bleibt die Leidenschaft?

von Thorsten Cöhring am 31. August 2015

Was gibt es über Borussia Mönchengladbach nach drei Bundesligaspielen zu sagen? Wir haben schon wieder einen Rekord gebrochen: Schlechtester Bundesligastart der Vereinsgeschichte.

Konnte man die Pleite in Dortmund noch mit einigem Wohlwollen in die Rubrik “Ausrutscher” einordnen und die Heimniederlage gegen Mainz in die Rubrik “Vermeidbar”, so war die gestrige 1:2 (1:1)-Niederlage bei Werder Bremen absolut verdient und gerechtfertigt. Die verunsicherten Bremer kämpften leidenschaftlich und wollten den Sieg unbedingt. So ging das 2:1 durch Johannsson (39., Foulelfmeter) und Vestergaard (53.), bei einem Gegentor durch Lars Stindls abgefälschten Schuss (45.), in Ordnung. Am Ende hätte der Sieg sogar noch höher ausfallen können, als Sommer gegen den frei auf ihn zulaufenden Bartels (84.) rettete und Kroos einen weiteren Foulelfmeter (88.) neben das Tor setzte.

Und Borussia? Wenn es spielerisch nicht läuft, ist Herz, Kampf und Leidenschaft gefragt. Das ließ die Fohlenelf vermissen. Phasenweise wirkte das gesamte Team wie paralysiert. Wenig Laufbereitschaft, ungeschicktes Zweikampfverhalten, Fehlpässe am Fließband. Und vor allem: Kein erkennbares Aufbäumen gegen die Niederlage. Das wirkte manchmal wie der Auftritt einer Altherrenmannschaft. Dennoch gestattete uns die wenig sattelfeste Bremer Abwehr durch Patrick Herrmann (61.) und Andre Hahn (74.) zwei gute Chancen zum Ausgleich. Beide vergaben überhastet. Als Erkenntnis bleibt: Diese 90 Minuten haben meine Zuversicht nicht gesteigert.

Ich könnte das alles besser begreifen, wenn wir mit großen Verletzungsproblemen zu kämpfen hätten, wie Dortmund in der vergangenen Saison. Oder wenn wir zehn neue Spieler integrieren müssten. Aber unsere Mannschaft machte in der abgelaufenen Spielzeit einen derart stabilen und gefestigten Eindruck, dass ich mir diesen Leistungseinbruch nicht wirklich erklären kann. Der Abgang von zwei Spielern, und seien es auch Nationalspieler, kann unmöglich eine Leistungs-Erosion dieses Ausmaßes verursachen. Und wenn ich von Leistung rede, dann meine ich damit NICHT die Ergebnisse.

Der Kader hat die Substanz, um nicht gegen den Abstieg spielen zu müssen, das steht außer Frage. Aber eine bestimmte Entwicklung kann ab einem Zeitpunkt X eine Eigendynamik entfalten, die nur noch sehr schwer zu stoppen ist. Beispiele dafür gibt es in der Bundesliga-Historie en masse. Letzte Saison hatten wir eine entsprechend positive Dynamik, in dieser Saison droht eine negative. Das sollte niemand unterschätzen.

Dem nächsten Heimspiel gegen Hamburg am 11. September, nach der Länderspielpause, fällt aus meiner Sicht eine Schlüsselrolle zu. Wir müssen dieses Spiel um jeden Preis gewinnen. Egal, wie. Über Kampf und Leidenschaft. In puncto Einstellung sollten sich unsere Spieler ein Beispiel an den Bremern nehmen.

Granit Xhaka wird gegen den HSV nach seinem Platzverweis fehlen. Und damit komme ich abschließend noch auf ein extrem ärgerliches Thema, das nicht unter den Tisch fallen sollte: Die bizarre Hetzjagd der Bundesliga-Schiedsrichter auf Granit Xhaka hat gestern einen neuen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Gelb nach einer Schwalbe des Bremers Fritz und Gelb für eine Klärungsaktion mit hohem Bein, als Xhaka seinen heransprintenden Gegenspieler im Rücken gar nicht sehen konnte. Eine Gelb-Rote Karte mit ganz fadem Beigeschmack. Der Eindruck drängt sich auf, dass es Karten für Xhaka mittlerweile mit einem gewissen Automatismus gibt.

Schade übrigens, dass ich angesichts der Bundesliga-Probleme noch gar nicht dazu gekommen bin, mich über die tolle Champions League Auslosung zu freuen. Juventus Turin, Manchester City, FC Sevilla – Fußball-Herz, was willst du mehr? Aber in diesem Modus bin ich noch lange nicht angekommen.

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