Drei Buchstaben: M-U-T!

von Thorsten Cöhring am 20. September 2015

0:1-Niederlage im Derby beim 1. FC Köln. Fünfte Bundesliga-Niederlage hintereinander, saisonübergreifend die sechste. Wir sind auf halber Strecke zum Bundesliga-Rekord (zehn Niederlagen hintereinander, saisonübergreifend elf). Welche Erkenntnisse gibt es sonst noch?

Positive Erkenntnisse:
1. Wir können den Klassenerhalt immer noch aus eigener Kraft schaffen.
2. Unsere Mannschaft hat wieder Lebenszeichen von sich gegeben. Aber um ehrlich zu sein: Es waren nicht mehr als ein paar Zuckungen.

Negative Erkenntnisse:
1. Die Spieler aus der zweiten Reihe spielen auch nicht besser als die Spieler aus der ersten Reihe.
2. Es war das dritte Spiel innerhalb von acht Tagen, in dem wir keine einzige Torchance herausgespielt haben.
3. Wir haben gegen eine der spielerisch schwächsten Kölner Mannschaften verloren, die ich in meinem Leben je gesehen habe.

Fazit:
Exzessive Durchhalteparolen werdet ihr hier nicht lesen, die gibt’s woanders in Hülle und Fülle. Ich werde weiterhin Realist bleiben. Unsere Mannschaft steht momentan völlig zu Recht auf dem letzten Tabellenplatz. Ein Turnaround ist gegenwärtig nicht in Sicht. Ob er unter den aktuellen Rahmenbedingungen überhaupt stattfinden wird, ist zumindest zweifelhaft. Selbst wenn wir mal ein Spiel gewinnen sollten, wird das nicht automatisch zum großen Umschwung führen, von dem viele vielleicht träumen.

“Es gibt viele kleine Sachen zu korrigieren”, sagte Lucien Favre gestern nach dem Spiel (via kicker.de). Kleine Sachen? Wovon redet der Mann? Ich sehe große Defizite. Insbesondere im Offensivspiel. Und das ist nicht zuletzt eine Mentalitätsfrage.

In meinem Saisonrückblick am 27. Juni habe ich geschrieben:

“Aufgrund der personellen Wechsel wird sich auch das Spiel unserer Fohlenelf verändern müssen. Auf den ersten Blick sind wir offensiv durchschlagskräftiger aufgestellt. Drmic ist allerdings kein Ballschlepper wie Kruse, er muss eingesetzt werden. Von außen und durchaus mal mit einem Stilmittel, das wir nahezu abgeschafft hatten: hohe Flanken.

Ob unser defensives Umschaltspiel mit zwei „Achtern“ statt der Kombination „Sechser/Achter“ noch so gut wie bisher funktionieren wird, ist eine der großen und entscheidenden Fragen in der neuen Saison. Für mich sind die Verpflichtungen jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung, denn sie machen unser Spiel insgesamt variabler. Hoffe ich zumindest…”

Diese Hoffnung war vergebens. Nichts mit variabler. Wir haben unser System nicht in Richtung offensivere Spielanlage weiterentwickelt. Wir arbeiten auch nicht mit Steilpässen oder Flanken und unsere Spieler ziehen nicht entschlossen zur Grundlinie durch. Wir tun immer noch so, als seien wir Bayern München. Also: Warum haben wir mit Stindl und Drmic zwei Spielertypen geholt, die es im System Favre bislang gar nicht gab? Wollen wir beide Spieler ins alte Kramer/Kruse-System pressen? Aussichtslos! Also müssen wir eine Spielanlage finden, in der beide ihre Stärken ausspielen können. Ich war davon ausgegangen, dass dies in der langen Vorbereitung geschehen sei. Wie schrieb kicker.de gestern in einem Kommentar: “Favre muss Lösungen finden – und keine Rätsel aufgeben“.

Und noch ein Aspekt, der mich gleichermaßen erschüttert und zunehmend wütend macht. Selbst in dieser prekären Phase spielt die Mannschaft so, wie sie unter Favre immer gespielt hat: klinisch, steril und technokratisch. Allerspätestens jetzt ist der Punkt gekommen, wo du dein Herz in beide Hände nehmen musst. Wo du den Fight annehmen musst, um dich zu wehren. Wo du Glück mit purem Willen erzwingen musst. Es bedarf Disziplin, aber auch Mut und Entschlossenheit. Zu verlieren gibt es nichts mehr. Dann können auch die Fans helfen. Bei 700 Alibi-Pässen, vorwiegend in Höhe der Mittellinie, können sie das nicht.

Drei Buchstaben: MUT!

Darüber hinaus finde ich es auch höchst bedenklich, dass die gleichen Personen, die sich viereinhalb Jahre lang dafür haben feiern lassen, dass sie für den Mönchengladbacher Höhenflug verantwortlich waren, jetzt extrem dünnhäutig reagieren, wenn sie für den aktuellen Totalabsturz ebenfalls in die Verantwortung genommen werden. Nichts ist älter als der Erfolg von gestern. Persönliche Eitelkeiten sind jetzt nicht gefragt. Es geht in der Gegenwart und Zukunft nur um Borussia Mönchengladbach. Um nichts anderes.

Momentan sitzen wir im Zug Richtung 2. Liga und wir müssen dringend umsteigen. Sofern es keine reguläre Haltestelle mehr gibt, müssen wir die Notbremse ziehen. Vieles erinnert mich in diesen Tagen an den Herbst 2010. Womöglich werden wir im Februar 2016 sagen: “Wir haben uns in fünf Jahren einmal im Kreis gedreht.”

Ich weiß nicht, wie oft ich in den vergangenen Wochen den Satz “Wir müssen Ruhe bewahren” gehört und gelesen habe. Ja, es herrscht Ruhe. Man könnte fast sagen: Es herrscht Totenstille. Und das ist wirklich beunruhigend.