Exkurs: Gedanken zur Viereinhalb-Jahre-Ära

von Thorsten Cöhring am 27. September 2015

Max Eberl und Lucien Favre haben viereinhalb Jahre lang gemeinsam Borussia Mönchengladbach geprägt. Das ist in der ruhmreichen 115-jährigen Vereinsgeschichte ein eher überschaubarer Zeitraum, dennoch scheue ich mich nicht, von einer “Ära” zu sprechen. Von einem Tag auf den anderen trennten sich die Wege der beiden. Max Eberl verlängerte seinen Vertrag bis 2020 und Lucien Favre verschwand gleichsam über Nacht.

Warum Lucien Favre Mönchengladbach Hals über Kopf verlassen hat, diese Frage kann nur er selbst beantworten. Vielleicht ist er an seinem Perfektionismus gescheitert. Perfektion ist eine Illusion. Es gibt sie nicht. Von daher müssen Menschen, für die Perfektion das Ziel ist, zu irgendeinem Zeitpunkt zwangsläufig scheitern. Aber das ist reine Spekulation.

Dass er akut ein ernstzunehmendes Problem hatte, wurde im Heimspiel gegen den HSV deutlich. Dort hätte er auf die leblose Vorstellung seiner Mannschaft spätestens nach 30 Minuten mit personellen Umstellungen reagieren müssen, um neue Impulse zu geben. Um seine Mannschaft zu pieksen und zu wecken. Allerspätestens zur Halbzeit hätte er reagieren müssen. Aber er wechselte erst, als Borussia mit dem dritten Gegentor endgültig zu Boden gegangen war. An diesem Abend fand kein Coaching mehr statt, was mich ziemlich fassungslos machte, obwohl ich es in meinem Blog-Beitrag bewusst nicht thematisiert habe.

Mehr will ich zu der Krisensituation, die zur Trennung führte, nicht sagen. Sein Schritt nach dem Köln-Spiel war mutig, richtig und aller Ehren wert.

Ich hatte zu Lucien Favre seit jeher ein zwiespältiges Verhältnis. Auf der einen Seite habe ich ihn verehrt. Weil er Dinge vollbracht hat, die aus der Sicht eines durch die Jahre 1980 bis 2010 geprägten Borussia-Fans an Hexerei grenzten. Er schaffte mit einer quasi schon abgestiegenen Mannschaft den Klassenerhalt; er führte Borussia zweimal in die Europa League; und zu guter Letzt lotste er Borussia in die Champions League. Kneif mich mal, ich glaub ich träume…

Auf der anderen Seite habe ich mich mit seiner Idee vom Fußballspiel nie so recht anfreunden können. Sie war mir immer viel zu defensiv und zu mutlos. Er konditionierte die Mannschaft so, dass sie das durch radikales Sicherheitsdenken geprägte 4-4-2 stets von der ersten bis zur letzten Minute konsequent durchzog. Bis zum Sieg oder bis zur Niederlage. Konterfußball wie ein sauberer Schnitt mit dem Skalpell. Raffael, den Tupfer bitte! Oft wirkte das klinisch-steril. Fehler verboten. Deshalb Ballbesitz, Querpässe und Rückpässe bis zur totalen geistigen Erschöpfung. Und: Keine Strafraumstürmer, keine Flanken. Ganz selten lange Steilpässe. Den Ball flach halten, im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich habe das über die Jahre immer “Eindimensionalität” genannt und habe mich oft gefragt, weshalb niemand ein probates Gegenmittel dagegen gefunden hat. Nicht, dass ich mir das gewünscht hätte, aber ich habe mich darüber gewundert.

Manchmal ging mir dieses System ziemlich auf die Nerven. ABER: Es war alles in allem erfolgreich. Und da jeder Sieg von Borussia ein guter Tag ist, habe ich mich einfach nur gefreut. Denn eine Lebensweisheit ist absolut unumstößlich: Gegen Erfolg gibt es keine Argumente! Und das ist genau das Wort, das mit dem Namen Lucien Favre in den Borussia-Annalen verbunden bleiben wird: ERFOLG.

Max Eberl ist seit Oktober 2008 Sportdirektor bei Borussia. In diesen sieben Jahren hat er Großes erschaffen. Er hat einem über Jahrzehnte orientierungslos vor sich hin dümpelnden Verein ein neues Selbstverständnis gegeben. Ein Gesicht. Nach außen, aber vor allem auch nach innen. “Corporate Identity” heißt das auf neudeutsch. Heute steht Borussia VfL 1900 Mönchengladbach für bestimmte Werte. Von Bescheidenheit über Loyalität und Verlässlichkeit bis hin Teamgeist – vom Spieler bis zum Verwaltungsangestellten. Den Menschen Max Eberl hat rp-online.de jüngst treffend porträtiert. Eberl versteht viel vom Fußball und vom Fußballgeschäft. Und er hat ein “Näschen” für Talente. Er hat dafür gesorgt, dass auch unser Scouting-System funktioniert. Das alles macht ihn zu einem begehrten Fußballmanager. Ich bin froh, dass er bei uns bleibt.

In einer Sache allerdings stimme ich mit ihm nicht überein. Nach dem geplatzten Dante-Transfer sagte Eberl: “Wir spielen zwar in der Champions League, sind aber nur ein kleiner Verein.” (wz-newsline.de)

Nein, lieber Max, wird sind KEIN kleiner Verein!

Bescheidenheit und Demut sind gut. Sofern man es nicht übertreibt, denn dann begibt man sich auf dünnes Eis. Ich verspüre schon seit Jahren jedes Mal ein Grummeln im Magen, wenn wir uns sinngemäß nach außen als “Ausbildungsverein” definieren. Als Verein, der junge Talente ausbildet und sie ziehen lässt, sobald sie ein gewisses Niveau erreicht haben. Dieses Konzept ist zwar grundsätzlich interessant und spannend, aber es sorgt nicht für Nachhaltigkeit. Es kann gutgehen, auch über einen längeren Zeitraum; aber die massive Variablenabhängigkeit kann auch an einem Zeitpunkt X zum Absturz führen. Dessen müssen wir uns bewusst sein.

Ein kleiner Verein sind wir, wenn wir unsere Finanzkraft an Gelddruckmaschinen wie München, Wolfsburg, Dortmund, Schalke oder Leverkusen messen. Von allen rein mitgliederbasierten Clubs stehen wir hingegen möglicherweise sogar aktuell am besten da. Ein großer Verein sind wir in puncto Sympathiewerte, Fan-Basis, Fankultur (dank der großartigen Arbeit des Fanprojekts), Tradition, Image und Markenstrahlkraft. Auch dessen müssen wir uns bewusst werden.

Wir können ewig der beliebte kleine Club vom Niederrhein in bester Tradition von Helmut Grashoff bleiben. Wir können wir aber auch unsere Hymne “Die Elf vom Niederrhein” stolz und selbstbewusst in die Welt hinaus tragen. Ich würde es mir wünschen, denn die Voraussetzungen sind mittlerweile gegeben.

Sollte das “Think Small” der Bökelberg-Ära wirklich auf ewig unser Credo bleiben? Über die mögliche Umwandlung der Gesellschaftsform unserer Betriebsgesellschaft wird schon seit Jahren diskutiert. Was spicht gegen eine AG? Zumindest sollten wir das Für und Wider abwägen, denn den rein mitgliederbasierten Vereinen wird nach meiner Überzeugung auf Dauer finanziell die Luft ausgehen. Wenn sich Schalke-Boss Clemens Tönnies gegen die Umwandlung von S04 in eine Aktiengesellschaft ausspricht und gleichzeitig eine Mitglieder-Umlage ins Gespräch bringt, dann birgt das schon ein gewisses Quantum an Verzweiflung in sich.

Wie auch immer: Dass wir bei Borussia überhaupt ernsthaft darüber nachdenken können, ist ein Verdienst von Max Eberl – und natürlich des leider oft übersehenen Stephan Schippers.

Nein, wir sind kein kleiner Verein! Wir sind ein großer und bedeutender deutscher Fußballclub mit mehr als 70.000 Mitgliedern und mehr als 1.000 Fanclubs. Das sollte die Basis unseres Selbstverständnisses sein. Auch dies ist ein Ergebnis der Viereinhalb-Jahre-Ära.

P.S.
Diese Ausführungen sind nicht im Kontext der gegenwärtigen sportlichen Situation zu sehen, die immer noch kritisch ist.