Kein Lebenszeichen erkennbar

von Thorsten Cöhring am 16. September 2015

Dem 0:3 am Freitag gegen Hamburg folgte gestern ein 0:3 zum Champions-League-Auftakt in Sevilla. Es kommt eher selten vor, dass mir zu meiner Mannschaft nichts mehr einfällt. Ich freue mich, ich bin zufrieden, ich ärgere mich oder ich bin wütend. Nichts dergleichen. Ich bin schlicht und einfach schockiert. Nicht mehr und nicht weniger.

Es ist gekommen wie erwartet: Die Abwärtstrend hat seit Saisonbeginn fulminant an Fahrt aufgenommen. Die gute Nachricht: Der Tiefpunkt ist bereits erreicht, schlechter als gegen den HSV und in Sevilla kann man nicht mehr spielen.

Wie ist die Situation? Die Mannschaft hat in beiden Spielen kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Das bedeutet auch, dass ihr die Fans momentan nicht helfen können, denn ein entsprechender Impuls müsste vom Team selbst kommen. Elf Sportler irren plan- und ziellos über den Rasen. Sie spielen nicht miteinander Fußball. Sie haben Angst vor dem Ball und vor dem Gegner. Ein Offensivspiel findet nicht mehr statt, weshalb die Defensive so massiv unter Druck gerät, dass sie Fehler am Fließband produziert. Auch ein Coaching ist nicht mehr wahrnehmbar.

Die Entwicklung selbst kommt nicht unerwartet, sie hat mit unserer Club-Philosophie und -Strategie zu tun. Darüber werde ich noch gesondert schreiben, sobald sich die Schockstarre wieder etwas gelöst hat. Aber der Zeitpunkt kommt selbst für mich völlig überraschend. Was ist in der Sommerpause passiert, außer dass uns zwei Spieler verlassen haben und zwei neue hinzugekommen sind? Wieso ist diese über dreieinhalb Jahre sehr stabile Mannschaft nach der guten zweiten Pokal-Halbzeit in St. Pauli von einem Tag auf den anderen völlig aus den Fugen geraten?

Fragen, auf die wir nie eine Antwort erhalten werden. Weil es vermutlich auch keine gibt. Auch die Sportpsychologie, seit Jahren eines meiner Lieblingsthemen, hält keine wirklich plausible Theorie in ihren Lehrbüchern parat.

In solch prekären psychologischen Situationen, die eigentlich einen Therapeuten erfordern, macht es keinen Sinn, Schuldzuweisungen zu betreiben oder Personaldebatten zu führen. Die einzig relevante Frage ist derzeit: Wie kann man diese Negativ-Entwicklung stoppen? Und wer kann das in die Hand nehmen? Wenn die Mannschaft aus sich heraus nicht in der Lage ist den Turnaround zu schaffen, müssen die Impulse von außen kommen. Das Spiel in Köln wird weitere Aufschlüsse geben. Einen weiteren leblosen Auftritt, soviel steht fest, können wir uns nicht leisten. Irgendeine Reaktion sollte spürbar sein.

Die Saison 2015/16 ist schon jetzt ein sportlicher Überlebenskampf, allen Durchhalteparolen wie “Das wird schon wieder” oder “Der Kader ist zu gut um abzusteigen” zum Trotz. Wir brauchen 40 Punkte aus 30 Spielen.

P.S: Kritische Fragen an Lucien Favre und Max Eberl habe ich reichlich. Aber dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

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