Ehrenpunkt

von Thorsten Cöhring am 22. Oktober 2015

Was passiert, wenn die “Alte Dame” (Juve-Spitzname) auf die “Launische Diva” (Borussia laut Helmut Grashoff 1991) trifft? Die Honoratioren gehen höflich miteinander um, spielen eine gepflegte Partie Rasenschach mit unentschiedenem Ausgang und vereinbaren eine weitere Partie in zwei Wochen. So ähnlich war mein Eindruck gestern Abend.

Mit dem 0:0 bei Juventus Turin haben wir uns am 3. Spieltag den Ehrenpunkt in unserer Champions-League-Gruppe gesichert. Viele dürften nicht mehr hinzukommen, da sollten wir uns keinen Illusionen hingeben. Dass wir Dritter werden und damit im Europacup überwintern – dafür fehlt mir definitiv die Vorstellungskraft.

Es ist schon frappierend. Der gehobenen europäischen Mittelklasse können wir durchaus auf Augenhöhe begegnen. Das haben wir in den vergangenen Jahren gegen Marseille, Fenerbahce oder auch Villarreal bewiesen. Sobald es aber in die Oberklasse geht, stehen wir auf verlorenem Posten. Unser stürmerloses Spiel reicht aus, um in der Bundesliga ganz passabel mitzuhalten, auf internationaler Ebene allerdings kommen wir damit auf keinen grünen Zweig.

Kein Torschuss in Sevilla, kein Torschuss in Turin und ein Tor sowie eine Handvoll kläglich vergebener Chancen gegen Manchester – das ist unsere bisherige offensive Ausbeute in der europäischen Königsklasse. Keine Durchschlagskraft. Das ist viel zu wenig. Da hilft dir am Ende auch keine noch so gute Abwehrarbeit.

Immerhin: Wir haben einen Punkt und meine Befürchtungen, wir könnten sogar alle sechs Spiele verlieren, sind gebannt. Dank einer aufopferungsvollen Abwehrschlacht und eines überraschend nachsichtigen Schiedsrichters, der eine Notbremse von Dominguez freundlicherweise nicht mit einem Platzverweis ahndete. Und nicht zuletzt dank Juventus Turin, denn der überlegene amtierende Vize-Champion ging nicht mit letzter Konsequenz auf das Siegtor.

Insgeheim hatte ich die klitzekleine Hoffnung gehegt, dass unsere Mannschaft vor Millionenpublikum an den Fernsehgeräten ihr Herz in beide Hände nehmen und mutig nach vorne spielen würde. Leider vergebens. Ob es wirklich ein qualitatives Defizit unserer Mannschaft ist oder ob das Hyper-Sicherheitsdenken von Favre noch unüberwindlich in den Köpfen verankert ist – ich weiß es nicht. Wahrscheinlich beides.

Sportlich gesehen gilt: Die Champions League ist für uns eine nette Abwechslung. Mehr nicht. Unser Fokus muss sich national auf Meisterschaft und Pokal richten. Und da haben wir mit dem Schalke-Doppelpack am Sonntag und Mittwoch ein dickes Brett zu bohren.