Aufregung nur auf dem Rasen

von Thorsten Cöhring am 22. November 2015

Fußball im Borussia-Park. Acht Tage nach den Terror-Anschlägen von Paris. Alles wie immer? Ja! Zwar lange Schlangen vor den Eingängen in der Rush Hour, wegen verschärfter Sicherheitskontrollen, aber sonst keine besonderen Vorkommnisse. Eine äußerst würdevolle Schweigeminute für die Opfer von Paris, ohne jeden Zwischenruf. Bemerkenswert.

Was mich persönlich angeht: Ich habe keine Angst vor Terroristen – jedenfalls nicht mehr als mehr als vor dem 13. November. Was mich derzeit manchmal ängstlich macht, ist die allgemeine Terror-Angst-Hysterie. Erst etwa eine Stunde vor dem Anpfiff war ich sicher, dass das Spiel gegen Hannover 96 auch tatsächlich stattfinden wird. Denn Brüssel, wo gestern aufgrund von Terror-Warnungen der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, ist nur 150 Kilometer von Mönchengladbach entfernt.

Es wurde schließlich sogar ein ziemlich unterhaltsamer Nachmittag im Park- was bei einem Gastspiel von Hannover 96 nicht unbedingt zu vermuten war. Es gewann am Ende die Mannschaft mit dem größeren Siegeswillen. Und das war Borussia. Raffaels 2:1-Siegtor in der 84. Minute sorgte für ein Happy-End, das uns vor zwei Wochen gegen Ingolstadt verwehrt blieb. 22 von 24 möglichen Punkten unter dem frisch zum Cheftrainer beförderten Andre Schubert – das ist eine fast schon sensationelle Bilanz.

Wenn zwei Mannschaften Torchancen in Hülle und Fülle haben (erinnert sich noch jemand an das Pokalfinale 1973 gegen Köln?), dann sagt das über ein Fußballspiel zweierlei aus.

  1. Es war unglaublich aufregend, nervenaufreibend und für einen neutralen Zuschauer sicher sehr schön anzusehen.
  2. Beide Abwehrreihen hatten nicht ihren besten Tag – um es vorsichtig auszudrücken.

21 Torschüsse von Borussia, 14 von Hannover. Die meisten davon Hochkaräter. Vor allem in der zweiten Halbzeit flogen die tollkühnen Keeper Yann Sommer und Ron-Robert Zieler quasi im Minutentakt durch ihre Kisten und fischten reihenweise Bälle ab. 5:5, 8:8, 10:10 – jedes Ergebnis wäre möglich gewesen, hätten die beiden Offensivreihen mehr Durchschlagskraft offenbart. So blieb es bei den Toren durch Traore (34.) zum 1:0, Sobiech (65.) zum 1:1 und dem Siegtor durch Raffael in der Schlussphase.

Aus unserer Sicht waren es neben Sommer, der einmal mehr seine Extraklasse bewies, vor allem zwei Spieler, die dieser Partie ihren Stempel aufdrückten. Ibo Traore lieferte eines seiner besten Spiele im Borussia-Trikot ab. Fast alles lief in der Offensive über ihn, er stellte die blassen Stindl und Raffael weit in den Schatten. Wenn der Junge nur 80 Prozent seiner Möglichkeiten dauerhaft auf den Rasen bringen würde, wäre er ein absoluter Top-Spieler. Und im zentralen Mittelfeld schwang sich, in Abwesenheit des gesperrten Xhaka, Mo Dahoud zum Taktgeber auf. Nach Anlaufschwierigkeiten behauptete er sich im Zweikampf und im Spielaufbau gegen die körperlich extrem starken Hannoveraner Sane und Gülselam. Kompliment!

Zum Durchschnaufen bleibt bis Weihnachten keine Zeit mehr. Am Mittwoch steht unser Champions-League-Abschiedsheimspiel gegen den FC Sevilla auf dem Programm. Über eine mögliche Europa-League-Quali zu spekulieren, ist zum jetzigen Zeitpunkt Blödsinn. Dazu müssten wir dieses Match erst einmal gewinnen. Meine Zuversicht hält sich in Grenzen.

Wichtiger ist das Spiel am Samstag in Hoffenheim. Ein Sieg dort wäre ein echter Big Point, denn danach folgen mit München und Leverkusen zwei Partien, in denen man Punkte nicht unbedingt einplanen kann.

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