Champions League macht süchtig

von Thorsten Cöhring am 4. November 2015

Du spürst es schon bei der Anreise. Es ist ein besonderer Abend. Zweieinhalb Stunden vor dem Spiel herrscht auf dem Parkplatz Chaos. Du stehst 20 Minuten für die Bratwurst an. Und der Gladbach-Juve-Schal ist eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff im Osttribünen-Shop ausverkauft. Es ist Champions League im Borussia-Park.

Du saugst diese einzigartige Stimmung und Atmosphäre wie ein Schwamm auf. Die Luft ist geschwängert mit Vorfreude, Spannung, Energie und Enthusiasmus. Mit jedem Atemzug nimmst du es in dir auf. Du kannst das große Spiel förmlich riechen, denn selbst der Geruch im Stadion ist anders als sonst. Angenehm süßlich. Bei der Konfetti-Choreo und spätestens bei der Champions-League-Hymne läuft es dir eiskalt den Rücken runter. Und spätestens bei der Rückreise weißt du: Du möchtest das unbedingt wieder erleben. Nicht nur einmal. Immer. Jedes Jahr. Champions League macht süchtig.

Ich bin stolz und glücklich, dass ich das nach 37 Jahren in diesem Herbst drei Mal erleben darf. Dass mir meine Mannschaft diese einzigartigen Erlebnisse geschenkt hat. Danke!

Für mich steht der sportliche Aspekt im Hintergrund. Deshalb bin ich auch nicht enttäuscht. Noch zwei Gruppenspiele, dann ist das Abenteuer Champions League 2015/16 für Borussia Mönchengladbach vorbei. Wir können nach dem 1:1 (1:1) gegen Juventus Turin das Achtelfinale nicht mehr erreichen. Das war nach der Gruppenauslosung zu erwarten, denn um im Konzert der Großen auf internationaler Bühne mitzuspielen, fehlt es unserem Orchester noch an Reife. Um präziser zu sein: Am Punch, an der offensiven Durchschlagskraft. Zwei Törchen in vier Spielen – das reicht nicht. Um auch sportlich etwas zu melden zu haben, müssten wir eine neue Evolutionsstufe erreichen und auch beispielsweise Stürmer in unser Spielsystem integrieren. Aber das nur nebenbei.

Gegen Juve hat die Fohlenelf gestern Abend das gezeigt, was ich von ihr erwarte: Willen, Herz und Leidenschaft. In der ersten halben Stunde spielte Borussia berauschenden Angriffsfußball. Dass sie dabei das Tempo überdrehte – geschenkt. Es war mitreißend. Ein munteres Scheibenschießen auf Turins Torwart-Legende Buffon, der zeitweise gar nicht wusste, wie ihm geschah. Mo Dahoud knallte die Kugel aus 25 Metern an die Latte (14.), ehe Fabian Johnson nach einem Blackout von Chiellini und feinem Zuspiel von Raffael das 1:0 erzielte (18.).

Etwa ab der 30. Minute übernahm Juve das Kommando und gab es längere Zeit nicht mehr ab. Borussia bekam kein Bein mehr an die Erde und folgerichtig fiel der 1:1-Ausgleich durch Lichtsteiner (44.), nach einem traumhaften Außenristzuspiel von Pogba. Nicht zu verteidigen. Anfangs der zweiten Halbzeit setzte sich die Turiner Überlegenheit nahtlos fort und womöglich hätten wir die Partie verloren. Wenn nicht Hernanes (53.) ein übles Foul an Alvaro Dominguez begangen hätte. Er sah völlig zu Recht von Schiri Kuipers die Rote Karte.

Danach kippte das Spiel erneut in die andere Richtung, denn Juve-Coach Allegri hatte nichts Eiligeres zu tun, als möglichst rasch alle Offensivkräfte vom Feld zu holen und durch Defensiv-Spezialisten zu ersetzen. Unsere Mannschaft fand gegen den Beton praktisch kein Mittel, hätte aber dennoch gewinnen müssen. Lars Stindl traf in der 77. Minute mit seinem Kopfball aus zwei Metern den fallenden Keeper Buffon, was schon fast als Kunststück zu werten ist. Und der eingewechselte Hazard visierte mit seinem Schlenzer eine Minute vor Schluss die Latte an.

Kein Vorwurf an die Mannschaft. Sie wollte dieses Spiel gewinnen, konnte es aber nicht. Immerhin eröffnet uns Manchesters Sieg in Sevilla noch eine kleine Chance auf die Europa League. Dazu müssen wir allerdings das Heimspiel gegen Sevilla in drei Wochen unbedingt gewinnen. Das reicht zwar noch nicht, aber ein Schritt nach dem anderen.

Ich hoffe, dieses Spiel, und die später allerorten geäußerte Enttäuschung, hat unseren Spielern nicht zu viel mentale Kraft gekostet. Die Konzentration muss hoch bleiben, denn vor der Länderspielpause wartet noch ein extrem wichtiges Spiel auf uns: Am Samstag gegen den FC Ingolstadt.

Dann wird es im Borussia-Park wieder so riechen wie gewohnt. Nach Bundesliga.