Ein Punkt des Willens

von Thorsten Cöhring am 29. November 2015

Wenn du als Mannschaft ein wirklich schlechtes Spiel machst; wenn so gut wie nichts funktioniert; wenn dir hanebüchene Fehler unterlaufen und du deshalb nach einer Stunde 1:3 hinten liegst – dann ist normalerweise Hopfen und Malz verloren. Wenn du aber am Ende mit purem Willen ein 3:3 erzwingst, dann zeugt das von einer positiven Einstellung und Stimmung in der Truppe. Gemeinhin wird das in der Sportsprache “Moral” genannt. Genau so war es gestern in Hoffenheim.

Dabei lief zunächst alles planmäßig. Nach wunderbarem Pass von Mo Dahoud erzielte Fabian Johnson gekonnt das frühe 0:1 (5.). Doch ab dem Ausgleich riss der Faden völlig und der Gegner ging 3:1 in Führung, wobei er bei allen Treffern borussiale Unterstützung erhielt. Beim 1:1 durch Zubers Kopfball (11.) nach einer Ecke irrte Keeper Yann Sommer ziemlich planlos umher. Beim 2:1 durch Polanski (35.) fälschte Granit Xhaka den Weitschuss unhaltbar ab. Und beim 3:1 durch Amiri (47.) hatte Lars Stindl einen ähnlichen Blackout wie Tony Jantschke bei der Heimniederlage gegen Hamburg: Sein Rückpass fand nicht Sommer, sondern direkt den Hoffenheimer Angreifer.

Zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht mehr viel auf die Fohlenelf gesetzt. Zu behäbig und einfallslos war das Offensivspiel, zu fehlerbehaftet das Defensivverhalten. Doch es kam anders: Nach einer wunderbaren Flanke von Stindl köpfte Drmic (56.) mit seinem ersten Tor für Borussia zum 3:2 ein (ja wirklich, ein Kopfballtor!!!). Und in der 87. Minute machte Fabian Johnson mit einer fabelhaften Einzelleistung nach tollem Steilpass von Raffael das 3:3. Ironischerweise aus einer Kontersituation heraus…

Vielleicht wäre das Spiel anders verlaufen, wenn Schiri Weiner uns nicht in der 22. Minute beim Stand von 1:1 einen klaren Elfmeter (Schär an Stindl) verwehrt hätte. Wenn ich bedenke, welche bizarren Elfmeter wir in dieser Saison schon kassiert haben (mittlerweile 13), dann verstehe ich jeden Ärger über diese Fehlentscheidung.

Noch einige Gedanken, losgelöst vom gestrigen Spiel.

Sonderlich überraschend ist es nicht, dass uns nach der Sevilla-Gala ausgerechnet der Tabellenletzte der Bundesliga, 1899 Hoffenheim, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat. Ich habe es in der Vergangenheit gesagt und ich bleibe dabei: Borussia ist punktuell zu phänomenalen Höchstleistungen fähig, aber nicht auf Dauer. Allzumal nach der System-Transformation durch Andre Schubert, hin zu deutlich aggressiverem Angriffsspiel. Dazu kostet der kompromisslose Powerfußball a la Sevilla zu viel Substanz, körperlich und mental.

Wir müssen also jederzeit mit ergebnistechnischen Rückschlägen rechnen. Aber das sollte uns nicht davon abhalten, den unter Andre Schubert eingeschlagenen Weg des mitreißenden Angriffsfußballs fortzusetzen. Dieses Plädoyer muss ich an dieser Stelle halten, denn ich habe in den vergangenen Jahren oft genug den klinisch-reinen Sicherheitsfußball unter Lucien Favre kritisiert.

“Seit acht Spielen rockt Gladbach die Bundesliga unter den Gitarrenriffs seines neuen Bassisten André Schubert. Im vierten Anlauf hat der Heavy-Metal-Fußball der Borussia endlich auch in Europa zum Erfolg geführt”, schrieb welt.de (“Gladbach spielt aufregender als Bayern und der BVB“) am Donnerstag. Dieser Analyse und Bewertung schließe mich uneingeschränkt an. Wir werden nie mega-erfolgreich sein. Aber hyper-aufregend zu sein – das ist doch Borussia-Style, oder? “Kick it like Borussia”, das sollte unser Markenzeichen werden.

Am Samstag kommt die vermutlich aktuell beste Fußballmannschaft der Welt in den Borussia-Park. Jeder erwartet von Bayern München einen Sieg ungefähr in der Größenordnung wie gegen die nächstbesten Teams in Deutschland, Dortmund und Wolfsburg (jeweils 5:1). Wir haben also nichts zu verlieren. Die gute Nachricht: Oscar Wendt und Granit Xhaka haben in Sinsheim NICHT ihre 5. Gelbe Karte kassiert und sind deshalb beide spielberechtigt.

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: