Ein Spiel zum Verlieben

von Thorsten Cöhring am 26. November 2015

4:2 (1:0) gegen den FC Sevilla. Unser erster Champions-League-Sieg. Ich musste verdammt lange überlegen, wann ich zuletzt ein solch begeisterndes Spiel unserer Borussia gesehen habe. Spontan ist mir keines eingefallen. Auf internationaler Bühne vielleicht das 5:1 über Real Madrid vor 30 Jahren. Doch das hatte einen anderen Charakter, weil sich Real an diesem nasskalten Novemberabend in Düsseldorf vergleichsweise widerstandslos abschlachten ließ.

Gänsehaut- wenn nicht jetzt, wann dann?

Gänsehaut- wenn nicht jetzt, wann dann?

Das war gestern Abend im Borussia-Park ganz anders. Der FC Sevilla, immerhin amtierender Europa-League-Champion, war die beste Mannschaft, die in der laufenden Champions League Saison ihre Visitenkarte im Park abgegeben hat. Die Spanier spielten erheblich besser als ManCity und Juve. Dass die Fohlenelf diese bärenstarke Truppe mit unbändiger Leidenschaft, mit großem Herzen, mit unglaublichem Mut und großartigem Angriffsspiel letztlich deutlich abgefiedelt hat – das war ganz großes Kino!

Siegeswille de luxe: 28 Torschüsse unserer Mannschaft. Achtundzwanzig!! Übrigens auch 20 von Sevilla. Mehr Unterhaltung, mehr Aufregung, mehr Krimi geht nicht. Eine “Pressing-Maschine” nannte uns der Sky-Kommentator, und das war zweifellos als Kompliment gemeint. Dass du bei einer derart offensiven Grundausrichtung auch jederzeit Gefahr läufst, Gegentore zu kassieren, versteht sich von selbst. Insofern geht das 4:2 am Ende völlig in Ordnung.

Lars Stindl machte sein bisher bestes Spiel für Borussia und traf doppelt zum 1:0 und 4:1 (29. und 83.). Fabian Johnson machte eine Bude Marke “Tor des Monats” zum 2:0 (68.). Und Raffael belohnte sich für seinen nie zuvor gesehenen Einsatz- und Kampfeswillen mit dem elegant herausgespielten Treffer zum 3:0 (78.). Sevillas Anschlusstreffer zum 3:1 durch Vitolo (82.) war entgegen des ersten Eindrucks im Stadion nicht abseits und der überflüssige Elfmeter zum 4:2 durch Banega in der Nachspielzeit hatte nur noch statistischen Wert.

Eine Mannschaftsleistung wie aus einem Guss. Besser können wir momentan nicht spielen, da bin ich mir ziemlich sicher. Wir sind halt nicht München oder Dortmund, die solche Siege mit einer gewissen Selbstverständlichkeit herausspielen können. Für uns ist es etwas nicht Alltägliches. Besonders gefreut habe ich mich für Josip Drmic, der nach seiner Einwechslung für den leider früh verletzten Ibo Traore eine gute Leistung zeigte.

Nach dem Spiel gegen Juve hatte ich geschrieben: “Champions League macht süchtig”. Gestern wurde die Dosis noch einmal erhöht und ich habe jetzt schon Angst vor dem Entzug. Aber nicht nur das. Wenn Borussia nicht schon seit einem halben Jahrhundert meine große Liebe wäre, dann hätte ich mich spätestens gestern verliebt. Dieser Club ist und bleibt einfach etwas ganz Besonderes. Das Flair, diese Mannschaft und vor allem auch diese unglaublichen Fans. Liebe Nordkurve, diese Choreo war für mich emotional so aufwühlend wie keine zuvor. Vielen Dank an dieser Stelle an alle Beteiligten! Es war unvergesslich.

Ob wir eine realistische Chance auf das Erreichen der Europa League haben, mag jeder für sich selbst beurteilen. Um sicher zu gehen, müssen wir am 8. Dezember in Manchester gewinnen. Ob das gelingen kann, hängt unter anderem davon ab, wie ernst die “Weltauswahl” aus England dieses Spiel nimmt. Ersatzweise hängt es davon ab, ob Juventus Turin den Ehrgeiz hat Gruppensieger zu werden. Dann bräuchten sie noch einen Punkt in Sevilla. Und das wiederum würde uns reichen – unabhängig vom Resultat in Manchester.

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