Tank leer

von Thorsten Cöhring am 8. November 2015

Nach fünf Niederlagen und sechs Siegen hintereinander in der Bundesliga jetzt also das erste Unentschieden. 0:0 im Borussia-Park gegen den FC Ingolstadt. Mehr war nach sieben kräftezehrenden Partien in drei Wochen nicht drin. Energie- und Mentaltank leer. Kein Hybrid-Antrieb mehr. Zum Glück ist jetzt Länderspielpause. Zwei Wochen zur Regeneration für den Endspurt bis Weihnachten. Dann folgen noch einmal acht Spiele innerhalb von vier Wochen.

Sachliche und nüchterne Analysen fallen nach dem gestrigen Spiel schwer. Die Ingolstädter Truppe ist ein widerliches Konglomerat aus Provokateuren, Tretern und Schauspielern. Ihnen zuzuschauen erzeugt unweigerlich Brechreiz. Hoffentlich verschwinden diese Antifußballer bald wieder von Bildfläche. Aber das, was sie tun, ist nicht verboten – jedenfalls so lange niemand einschreitet. Und das tat Schiedsrichter Marco Fritz nicht. Denn er hatte ganz andere Pläne.

Er wollte den Skalp von Granit Xhaka. Von der ersten Minute an. Statt unseren Kapitän vor den ständigen üblen Attacken der Ingolstädter in Schutz zu nehmen, machte Fritz Jagd auf den Schweizer. In der Halbzeitpause twitterte ich:

Fritz verfolgte seinen persönlichen Matchplan mit Akribie. Und in der 86. Minute war er endlich erfolgreich: Gelb-Rot! Wann hört diese Hetzjagd der Schiedsrichter auf Xhaka endlich auf?

Andererseits stellt sich mir die Frage: Warum wird Xhaka nicht vom Feld geholt, wenn sein Platzverweis förmlich in der Luft liegt? Und noch eines: Mensch, Granit, warum lässt du dich von einem kleinen dreckigen Kreisligakicker namens Morales pausenlos provozieren? Über den kannst du doch nur lachen!

Wir alle hätten über die Laienspielgruppe aus Oberbayern wahrscheinlich herzhaft lachen können, wenn es unserer Mannschaft am Ende gelungen wäre, sie zu schlagen. Das funktionierte aber leider nicht, denn die Fohlenelf pfiff aus dem allerletzten Loch. Keine Laufbereitschaft, kein Spielfluss. Daraus resultierend eine Unmenge an technischen Fehlern und Fehlpässen. Kurz gesagt: alles Stückwerk. Borussia wehrte sich gegen die unablässige Provokation, aber sie besaß an diesem Tag kein geeignetes Gegenmittel.

Unabhängig davon wurde zum wiederholten Male deutlich, dass wir gegen hoch pressende Mannschaften in extreme Schwierigkeiten kommen, weil unser Aufbauspiel dann völlig aus den Fugen gerät. Die unzähligen Rückspiele auf Sommer bringen unseren Keeper oft in furchtbare Schwierigkeiten. Schon gegen den HSV hat uns das das Genick gebrochen. Lange, hohe Bälle nach vorn sind zwar auch nicht produktiv, weil wir in Mittelfeld und Angriff jeder anderen Mannschaft im Kopfballspiel turmhoch unterlegen sind, aber dann ist die Kugel wenigstens aus der Gefahrenzone.

Gemessen an der Anzahl der Torchancen hätten wir sogar verlieren können, allerdings hatten wir die beiden größten Gelegenheiten des Spiels. In der 16. Minute stand Raffael nach einem Blackout von Özcan ganz allein vor dem Gästetor, konnte den Ball aber nicht am Keeper vorbei bringen. Und in der allerletzten Minute kratzte Özcan einen Schuss von Hazard von der Linie.

Im Prinzip können wir mit dem Punkt leben. Wenn mir am 20. September jemand gesagt hätte, dass wir sieben Wochen später neun Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz haben, wäre ich ihm wahrscheinlich vor Erleichterung um den Hals gefallen. Inzwischen rangieren wir sogar auf einem Europa-League-Platz. In zwei Wochen kommt Hannover. Ein Schlüsselspiel für uns, in dem Xhaka leider fehlt.

Es besteht derzeit kein Grund zu übertriebenem Pessimismus. Aber sicher auch kein Anlass zu überschwänglicher Euphorie. Wenn es unserer Mannschaft gelingt, in der Hinrunde noch zwei Spiele zu gewinnen (= 25 Punkte), dann würde ich angesichts des katastrophalen Saisonstarts und des unfassbaren Verletzungspechs von einer sehr ordentlichen Hinrunde sprechen.

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