Elektrisierender Moment

von Thorsten Cöhring am 6. Dezember 2015

75 Minuten hast du so gut wie nichts zu melden. Und in der restlichen Viertelstunde nagelst du den Gegner nach allen Regeln der Kunst an die Wand. Wenn dieser Gegner Bayern München heißt, neben dem FC Barcelona die beste Fußballmannschaft die Welt, dann geschieht das, was gestern um kurz vor Fünf im Borussia-Park passierte: Du denkst, ein elektrischer Impuls geht durchs Stadion.

Es gab in der jüngsten Vergangenheit bereits viele denkwürdige Momente im Park. Tore die vulkanartige Gefühlsausbrüche auslösten. Aber was gestern nach dem Tor zum 3:0 gegen Bayern München los war, das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Die totale Ekstase, tanzende, singende und hüpfende Menschen, überbordender Stolz und der sichere Glaube, dass du ab jetzt praktisch unbesiegbar bist. So ähnlich muss sich Asterix fühlen, wenn er einen Schluck aus der Zaubertrank-Pulle genommen hat. Serotonin und Adrenalin in einer besonders gelungenen Mischung. Verglichen damit ist Straßenkarneval was für Anfänger.

Für solche Momente lebst du als Fan deiner Mannschaft. Diese Momente sind selten, aber es gibt sie. Immer wieder aufs Neue hoffst du darauf, aber er kommt nicht. Und dann erwartest du gar nichts – und plötzlich ist er da!

Viele Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit du gegen Bayern eine Chance hast. Die habe ich hier im Blog schon mehrfach beschrieben. Nichts deutete darauf hin, dass gestern so ein Tag sein würde. Klar, Bayern hatte einige verletzungsbedingte Ausfälle. Aber die hatten wir auch, was dazu führte, dass am Ende mit Dahoud, Elvedi und Christensen drei (!!) 19-Jährige in der Startelf standen.

Der Beginn der unglaublichen Geschichte eines unglaublichen Spiels.

Was ich oben beschrieben habe, war die emotionale Komponente unseres denkwürdigen 3:1 (0:0)-Sieges über Bayern München am 5. Dezember 2015. Die rationale Komponente beginnt mit der Feststellung: Wir hatten unfassbar viel Glück!

Nach neun ungeschlagenen Bundesligaspielen mit vorwiegend offensiver Ausrichtung hatte sich Coach Andre Schubert gegen Bayern München etwas Neues ausgedacht: Mit den defensiv orientierten Pärchen Elvedi/Korb (rechts) und Wendt/Johnson (links) machte er die Außenbahnen dicht, das gefährlichste Angriffsinstrument der Münchner.

Diese Variante sorgte nicht nur unter den Fans für Verwirrung, sondern auch in der Mannschaft. Bayern war in den ersten 45 Minuten drückend überlegen. Beinahe erdrückend. So gut wie keine Entlastung nach vorne – die Niederlage schien nur eine Frage der Zeit. Martinez (10.) per Kopf, Lewandowski (18.), Müller (19.), Benatia (24.) – Bayern vergab beste Chancen serienweise. Mit dem Höhepunkt in der 25. Minute: Der großartige Yann Sommer parierte gegen Martinez (25.) und im Nachschuss knallte Coman die Kugel aus fünf Metern an den Pfosten.

Wenn wir ehrlich sind: Über ein 0:3 zur Pause hätte sich keiner beklagen können. Was unsere Fohlenelf dagegen halten konnte, waren Wille, Leidenschaft und Laufbereitschaft.

Dann kam die zweite Halbzeit und jene eingangs erwähnte Viertelstunde zwischen der 54. und 68. Minute. Unser bis dahin bester Angriff des Spiels führte in der 54. Minute durch den ganz starken Oscar Wendt zum 1:0. Nach einem weiteren großartigen Angriff lenkte Neuer Julian Korbs Schuss an die Latte (64.). Im Anschluss an einen Freistoß pennte die gesamte Bayern-Abwehr und Elvedis Zufalls-Kopfballvorlage drückte Lars Stindl gedankenschnell zum 2:0 über die Linie (66.). Und in der 68. Minute nahm Fabian Johnson gegen die inzwischen schwindelig gespielte Bayern-Abwehr einen Steilpass von Korb auf und schob nach 50-Meter-Sprint seelenruhig zum 3:0 ein.

Das 3:1 durch Ribery (81.) war sehenswert herausgespielt, aber es war nicht mehr der Beginn einer großen Schluss-Offensive. Der haushohe Favorit hatte nach drei Niederschlägen keine Kraft mehr zum Knockout. Was zu der Erkenntnis führt: Neben einer Topleistung und Glück brauchst vor allem eines, um Bayern München zu besiegen: MUT!

Unter Andre Schubert ist Borussia jetzt seit zehn Bundesligaspielen ungeschlagen und hat 26 Punkte geholt. Das ist deutlich mehr, als ich Mitte September für möglich gehalten hatte. Ich hoffe allerdings, dass dieser Sieg, mit den folgenden überschäumenden Lobeshymnen, keine Selbstzufriedenheit auslöst. Das wäre fatal. Bis zur Winterpause stehen noch vier Spiele auf dem Programm. Zumindest eines davon ist unglaublich wichtig: Das Pokal-Heimspiel gegen Bremen. Es wäre bitter, diese Riesenchance zu vergeben.

Ob wir am Dienstag in unserem letzten Champions-League-Spiel der Saison bei Manchester City den Einzug in die Europa League schaffen – ich würde nicht sagen, dass es mir egal ist, aber es ist in meiner persönlichen Ziele-Hierarchie nachrangig.