Hinrundenbilanz: Turbulente Achterbahnfahrt

von Thorsten Cöhring am 30. Dezember 2015

Wie soll man diese Hinrunde 2015/16 aus Sicht von Borussia Mönchengladbach beschreiben? Eine Achterbahnfahrt mit drei Doppel-Loopings trifft es vielleicht am ehesten. Jedenfalls hatte ich mehrfach ein äußerst flaues Gefühl in der Magengegend. Und am Ende war ich froh, endlich am sicheren Ziel zu sein. Der Versuch einer Bestandsaufnahme.

Meist stimme ich mit Sportdirektor Max Eberl in seinen Bewertungen überein. Aber nicht immer. Sein Fazit: “Eine sehr gute Hinrunde” (via rp-online.de) kann ich in der Summe nicht unterschreiben. Die Hinrunde 2015/16 bestand für Borussia Mönchengladbach aus 26 Spielen in drei Wettbewerben (17 Bundesliga, 6 Champions League, 3 DFB-Pokal). Die Bilanz: 12 Siege, 4 Unentschieden, 10 Niederlagen. Nüchtern betrachtet ist das ganz sicher keine “sehr gute” Hinrunde. Es ist eine “gute” Hinrunde – insbesondere vor dem Hintergrund der unfassbaren Ereignisse in den vergangenen vier Monaten und des mehr als skurrilen Saisonverlaufs. Lange Zeit sah es so aus, als könne Borussia das verheerende Verletzungspech, das den Kader im Unterschied zu den Vorjahren ereilte, halbwegs kompensieren. Als es jedoch gegen Hinrunden-Ende ans Eingemachte ging, war Schicht im Schacht: Aus im Europapokal, Aus im DFB-Pokal. Darüber hinaus kann ich Max Eberls Sicht der Dinge in fast allen Punkten nachvollziehen (siehe Interview auf borussia.de, Teil 1 und Teil 2).

BUNDESLIGA

Am Abend des 19. September 2015 beschäftigte mich nur eine einzige Frage: “Wie kriegen wir es hin, nicht abzusteigen?” Wir hatten gerade in Köln im fünften Bundesligaspiel die fünfte Niederlage kassiert und rangierten mit null Punkten auf dem 18. Platz. Was die Mannschaft bis dahin auf den Platz gebracht hatte, nährte nicht die Hoffnung auf einen baldigen Trendwechsel. Tags darauf verschwand auch noch unser Trainer Lucien Favre spurlos von der Bildfläche. Der mentale “Ground Zero” war erreicht.

Dann kam Andre Schubert von der U23 zu den Profis. Als Cheftrainer-Übergangslösung. Kaum stand er im grünen Hoodie an der Linie, führte Borussia gegen Augsburg nach 21 Minuten mit 4:0. Es war, als habe jemand den Spielern Fußfesseln abgenommen. Plötzlich spielten die Jungs einen mitreißenden Fußball. Ganz so, als wenn man eine Herde Jungfohlen zum ersten Mal auf die Weide lässt. Von den zwölf Spielen unter Schubert verloren wir nur ein einziges und gewannen neun. Inzwischen ist er keine Übergangslösung mehr.

Bis heute kann ich mir weder den massiven Einbruch unter Favre noch den fulminanten Aufbruch unter Schubert irgendwie rational erklären. Es wird für immer ein Fohlen-Mysterium bleiben.

Zeitgleich ereilte uns etwas, das wir jahrelang in diesem Ausmaß nicht kannten: Verletzungspech. Reihenweise fielen die Stützen unserer Mannschaft langfristig aus (siehe weiter unten). Wie die Mannschaft das weggesteckt hat, ist aller Ehren wert. Zum Schluss allerdings wurde deutlich, dass das letzte Häuflein der Aufrechten nur noch auf dem Zahnfleisch daher schlich. Nur mit purem, unbändigem Siegeswillen wurde Darmstadt in Unterzahl bezwungen. Das sind Siege, auf die man letztendlich ebenso stolz sein kann wie auf Siege über Bayern München.

Wir haben 29 Punkte auf dem Konto. Zwei mehr als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison. Das ist prima, aber wir sollten eines nicht vergessen: Wir haben uns 2014/15 nicht wegen der Hinrunde für die Champions League qualifiziert, sondern aufgrund der überragenden Rückrunde (39 Punkte).

CHAMPIONS LEAGUE:

Nach der Auslosung war ich überzeugt, dass wir in dieser bärenstarken Gruppe mit Manchester City, Juventus Turin und FC Sevilla als Letzter ausscheiden werden. Genau so kam es dann auch. Die Mannschaft hat sich teuer verkauft, war aber am Ende des Tages nicht gut genug. Gerade auf diesem Niveau wird oft deutlich, was unserer Fohlenelf in entscheidenden Momenten fehlt: der “Punch”. Die Fähigkeit, auch mal einen K.O.-Schlag zu setzen, von dem sich ein vermeintlich überlegener Gegner nicht mehr erholt (was uns in der Bundesliga gegen München zum Beispiel gelungen ist). Spielerisch mithalten reicht gegen europäische Top-Mannschaften nicht aus.

Was mir aber ewig in Erinnerung bleiben wird, sind die drei großartigen Fußball-Festabende im Borussia-Park. Diese Erlebnisse, mit den wunderbaren Choreos, möchte ich nicht missen und ich bin dankbar dafür. Wenn sich noch einmal eine Gelegenheit ergibt: Ich bin gerne wieder dabei. 😉

Übrigens: Ich bin keineswegs traurig darüber, dass wir die Europa League verpasst haben. In dieser Saison, wohlgemerkt: in DIESER, hätte ich das Weiterspielen in der Europa League als Demütigung empfunden. Nein, es war gut so.

DFB-POKAL:

Wenn ich in dieser Hinrunde über irgendetwas so richtig enttäuscht bin, dann über unser Ausscheiden im DFB-Pokal gegen Bremen. Ich hatte nach dem glücklichen Sieg in Schalke in diesem Wettbewerb erstmals seit Jahren wieder ein gutes Gefühl. Und dann noch im Achtelfinale ausnahmsweise ein Heimspiel. Das 3:4 war ein echter Nackenschlag. Wieder ein überraschendes Aus im einzigen Wettbewerb, in dem wir realistischerweise überhaupt auf einen Titelgewinn hoffen dürfen.

MANNSCHAFT:

Insgesamt kamen in den drei Wettbewerben 24 Spieler zum Einsatz. Durch die gravierende Verletzungsmisere bestand der engere Stammkader (Spieler, die mehr als die Hälfte der 26 Spiele bestritten) aber nur noch aus 13 Spielern. Mit Martin Stranzl, Patrick Herrmann, Andre Hahn, Alvaro Dominguez, Tony Jantschke und Nico Schulz fielen gleich sechs Spieler mit schweren Verletzungen monatelang aus. Wobei mit Jantschke und Schulz in dieser Saison vermutlich gar nicht mehr zu rechnen ist. Ob unser langjähriger Abwehrchef Stranzl noch einmal zurückkehrt, ist zumindest fraglich. Auch bei Patrick Herrmann bin ich skeptisch.

Tor:
Einen besseren Torhüter als “Mister Zuverlässig” Yann Sommer können wir uns nicht wünschen. Ein größeres Kompliment ist für einen Keeper kaum denkbar.

Abwehr:
Wir haben in der Bundesliga zwar bereits jetzt (30) mehr Gegentore kassiert als in der gesamten vergangenen Saison (26), aber das liegt nicht zuletzt daran, dass unser Defensivverbund durch ständige Verletzungen durchlöchert war wie ein Schweizer Käse. Wenn es bislang doch einigermaßen funktionierte, lag das vor allem an zwei Spielern: Andreas Christensen und Oscar Wendt. Beide sind für mich unsere “Spieler der Hinrunde”. Der 19-jährige Däne entpuppte sich als DER stabile Faktor in der Innenverteidigung; er ist die große positive Überraschung der Saison. Oscar Wendt ist inzwischen nicht nur offensiv sehr gut, sondern auch defensiv – meistens jedenfalls. Was aber noch viel wichtiger ist: Der Schwede ist inzwischen zu einer Spielerpersönlichkeit gereift. Er war die große integrierende Kraft der Hinrunde. Julian Korb hat sich vor allem in der Vorwärtsbewegung stark verbessert, besitzt aber immer noch Luft nach oben. Roel Brouwers ist als Backup immer da, wenn man ihn braucht, seine Einsätze werden jedoch zunehmend weniger. Die Youngster Nico Elvedi und Marvin Schulz schafften zuletzt den Anschluss, brauchen allerdings noch mehr Erfahrung. Durch den Ausfall von Martin Stranzl, Alvaro Dominguez und Tony Jantschke ist die Personaldecke in der Abwehr extrem dünn.

Zentrales Mittelfeld:
Auch auf der Sechser-Position gab es eine sehr erfreuliche Überraschung: Mahmoud Dahoud. “Mo” hat endlich den Durchbruch geschafft! Er ist zwar kein dauerlaufender Balleroberer wie Kramer, dafür hat er spielerisch erheblich mehr drauf. Und er hat im Zweikampfverhalten einen Riesenschritt nach vorn gemacht. Havard Nordtveit war eine der wichtigsten Figuren im Mannschaftsgefüge. Dank seiner Vielseitigkeit konnte er die vielen verletzungsbedingten Löcher auf allen Defensivpositionen stopfen. Von der “Zwei” bis zur “Sechs”. In gewohnter Zuverlässigkeit. Ein Kapitel für sich ist Granit Xhaka. Nach seiner Beförderung zum Kapitän schien es kurzzeitig so, als könne er den nächsten Entwicklungslevel erklimmen. Es schien aber nur so. Statt der überragende Führungsspieler zu sein, wie in den beiden vergangenen Spielzeiten, entpuppte er sich als permanentes Sicherheitsrisiko. Ich habe ihn oft in Schutz genommen, aber inzwischen sage ich: Er muss verdammt aufpassen, sonst wird das nichts mit der ganz großen Karriere. Er kann wesentlich mehr als das, was er bislang in dieser Saison gezeigt hat.

Außenbahnen:
Eigentlich unser mannschaftliches Sahnestück. Dann aber: Ausfall Patrick Herrmann, Ausfall Andre Hahn! Zur großen Konstanten entwickelte sich in diesen Monaten Fabian Johnson. Er spielt seine bislang beste Saison für Borussia und ist sogar auf dem Weg zum Torjäger (sechs Treffer). Ibrahima Traore bekam so viel Spielzeit wie nie zuvor und ist mit seiner Geschmeidigkeit und Spritzigkeit immer wieder eine Bereicherung für das Team. Von ihm würde ich mir noch mehr Abschlüsse wünschen. Zum Glück kamen Johnson und Traore halbwegs ungeschoren durch die Hinrunde. Denn Thorgan Hazard stagniert in seiner Entwicklung. Seine Defensivmankos kann er auch nicht durch Offensivqualitäten kompensieren. Dazu ist er im Abschluss zu zaghaft und oft zu unkonzentriert.

Angriff:
Wir haben zwar mit Josip Drmic und Branimir Hrgota nominell zwei Stürmer im Kader, aber beide kommen nicht über die Rolle als Ergänzungsspieler hinaus. Was vor allem eine Systemfrage ist. Ich frage mich oft, was wohl passieren würde, wenn wir mal ein 4-2-3-1-System a la Bayern München und deutsche Nationalmannschaft probieren, mit einem echten Stoßstürmer… Unser Standard-Angriffsduo im 4-4-2 heißt Raffael und Lars Stindl, beides Mittelfeldspieler. Vor allem Stindl machte seine Sache mit zwölf Treffern in allen Wettbewerben außerordentlich gut. Raffael erzielte zwar “nur” acht Tore, spielte aber in den letzten Monaten so mannschaftsdienlich wie selten zuvor.

AUSBLICK RÜCKRUNDE:

Da wir uns aus beiden Pokal-Wettbewerben verabschiedet haben, werden wir in der Rückrunde bedeutend weniger Spiele haben, nämlich nur noch 17. Es macht also keinen Sinn, den Kader aktionistisch aufzublähen. Mit Jonas Hofmann aus Dortmund haben wir eine weitere Alternative auf den Flügeln. Was wir dringend noch brauchen, ist ein erfahrener Mann in der Innenverteidigung. Das war im Sommer schon so und ist heute dringlicher denn je.

Unter Trainer Andre Schubert hat sich Borussias Spielweise grundlegend geändert. Unsere Fohlenelf spielt viel aggressiver und energischer nach vorn als unter dem Sicherheitsfanatiker Lucien Favre. Das birgt natürlich Gefahren, speziell in einer Phase, in der die defensive Viererkette nicht eingespielt und vorrangig mit unerfahrenen Nachwuchsspielern besetzt ist. Insofern müssen wir Rückschläge wie in der Horrorwoche gegen Manchester, Leverkusen und Bremen mit insgesamt 13 Gegentoren leider einkalkulieren.

Ich finde Schuberts Kurs dennoch gut und richtig. Ich hoffe, das wird sich auch in den Ergebnissen spiegeln. Wenn wir noch einmal 29 Punkte holen, also in der Summe 58, wird das vermutlich mindestens für Platz 6 reichen. Die Champions League wird extrem schwer zu realisieren sein, dazu müsste Borussia nicht nur eine überragende Rückrunde hinlegen, sondern auch mindestens drei der anderen Spitzenmannschaften (Überraschungsteam Hertha, Wolfsburg, Leverkusen, Schalke) müssten schwächeln.

Vor allem aber wünsche ich mir eines: Bitte keine neue Achterbahnfahrt! Berg runter wird mir immer schlecht…

Hinrunde 2015/16 – 24 eingesetzte Spieler in 26 Spielen:

Oscar Wendt (26 Einsätze / 3 Tore)
Mahmoud Dahoud (26 / 2)
Yann Sommer (25 / 0)
Lars Stindl (25 /12)
Raffael (25 /8)
Granit Xhaka (23 /3)
Andreas Christensen (22 /0)
Havard Nordtveit (22 / 3)
Thorgan Hazard (20 /2)
Fabian Johnson (20 /6)
Julian Korb (19 /2)
Ibrahima Traore (19 /3)
Josip Drmic (17 /1)
Tony Jantschke (12 /0)
Alvaro Dominguez (10 /0)
Marvin Schulz (10 /0)
Andre Hahn (10 / 2)
Nico Elvedi (9 /0)
Patrick Herrmann (8 /1)
Roel Brouwers (5 /0)
Branimir Hrgota (5 /2)
Nico Schulz (2 /0)
Tobias Sippel (1 /0)
Martin Stranzl (1 /0)