Wundertüten und Ketchup

von Thorsten Cöhring am 7. Februar 2016

“Werder ist eine Wundertüte”, sagte mir ein befreundeter Bremen-Fan vor dem Spiel am Freitagabend im Borussia-Park. Okay. Aber wenn Werder Bremen eine Wundertüte ist, was ist dann Borussia Mönchengladbach? Mittlerweile ist es völlig unmöglich, irgendwelche Prognosen zu stellen. Du kannst dich einfach nur überraschen lassen. Manchmal wunderst du dich. Und manchmal ist es schlicht und einfach wunderbar. So wie am Freitag.

Wie Statistiken doch manchmal täuschen können: Bremen hatte mehr Ballbesitz, spielte mehr Pässe, hatte die bessere Passquote und fast ebenso viele Torschüsse wie die Fohlenelf – und verlor am Ende 1:5 (0:2). Denn einige Dinge vermag eine Statistik nicht zu erfassen: Die Körpersprache, die Einstellung, den Willen und die Spielfreude.

Und genau diese Spielfreude war es, die am Freitag den Unterschied ausmachte. Bestes Beispiel: Das Tor zum 1:0 in der 12. Minute. Balleroberung an der Mittellinie, Steilpass von Mo Dahoud auf Thorgan Hazard, flache Hereingabe und Lars Stindl drückt den Ball über die Linie. Ein Treffer zum Verlieben. Hochgeschwindigkeits-Konterfußball über 50 Meter, durchgeführt mit der Präzision eines Skalpells. Oder auch das 2:0 (31.), als die Bremer Abwehr derart schwindelig gespielt worden war, dass der aufgerückte Andreas Christensen die Kugel nur noch ins leere Tor schieben musste.

Das 3:0 (50.) durch einen Christensen-Kopfball nach Ecke von Raffael ließ mich deshalb staunend zurück, weil ich bisher der Überzeugung war, dass wir Kopfballtore nur dann erzielen, wenn Weihnachten und Ostern auf den gleichen Tag fallen. Werder verkürzte durch einen Pizarro-Elfmeter (Hinteregger an Öztunali) auf 3:1 (56.) und wir hatten zehn Minuten später Glück, dass Nico Elvedi mit der Fußspitze eine Zehntelsekunde eher am Ball war als Pizarro. Was nach einem 3:2 passiert wäre – ich will es gar nicht wissen.

So erhöhte Raffael per Elfmeter (Vestergaard an Stindl) auf 4:1 (70.) und in der 88. Minute beherzigte Kapitän Havard Nordtveit die alte Fußballer-Weisheit “Wenn du gar nicht mehr weißt, wohin mit der Pille, dann hau sie einfach rein” und hämmerte den Ball aus dem Stand aus 25 Metern zum 5:1 unter die Latte.

Dieser Sieg war in mehrfacher Hinsicht extrem wichtig. Für die Tabelle, für die Psyche und damit letztlich für das Selbstvertrauen. Besonders gefreut hat mich, dass mit dem überragenden Mo Dahoud, Andreas Christensen und Nico Elvedi drei Youngster die besten Spieler auf dem Platz waren. Christensen wird eines Tages der beste Abwehrspieler der Welt sein. Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, weil er alle Anlagen mitbringt und absolut geerdet auftritt. Und wenn er schlau ist, dann bleibt er bis dahin noch ein paar Jahre bei uns. Gelänge es Max Eberl, ihn noch über 2017 hinaus zu binden, dann wäre das mehr als ein Sechser im Lotto für Borussia.

Ich bin weit davon entfernt, nach diesem sehr schönen Sieg in Euphorie zu verfallen. Dazu habe ich in dieser Saison schon zu viel erlebt. Meine Maxime: Möglichst schnell auf 40 Punkte kommen und dann schauen, was noch geht.

In Bezug auf die beiden Auftaktniederlagen der Rückrunde habe ich im “Fohlenecho” am Freitag folgendes gelesen:

“… Havard Nordtveit… glaubt fest daran, dass sich der Knoten löst. Er beschreibt es als den ‘Ketchup-Effekt’, bei dem erst nichts aus der Flasche kommt, und dann plötzlich ganz viel…”

Diese Metapher mag zunächst etwas befremdlich klingen, aber mit Blick auf die Hinrunde ist sie nicht ganz falsch. Denn als die Würstchen fertig gegrillt waren, und der Ketchup am dringendsten gebraucht wurde, war die Flasche plötzlich leer. Vielleicht wäre ein etwas sparsamerer Umgang mit dem süßen Zeugs angebracht.

Am Sonntag müssen wir nach Hamburg. Die gute Nachricht: Wir haben die neue Ketchup-Flasche gerade erst angebrochen. Und dennoch gilt es, erst wieder eine neue Wundertüte zu öffnen. Ich hoffe, darin befindet sich kein blaues Wunder, sondern ein bezauberndes schwarz-weiß-grünes.