Die Legende von den unglücklichen Niederlagen

von Thorsten Cöhring am 19. März 2016

Zum x-ten Mal in dieser Saison musste Borussia Mönchengladbach gestern die Erfahrung machen, dass Fußballspiele nicht durch die B-Note für den künstlerischen Wert entschieden werden, sondern knallhart und ganz einfach – durch Tore!

Ich nehme an, jeder neutrale Beobachter wird sich während des gestrigen Spiels bei Schalke 04 pausenlos vor Lachen auf die Schenkel geklopft haben. Slapstick at it’s best. Borussias Ausbeute aus 22 Torschüssen und mehr als einem halben Dutzend 100-prozentiger Torchancen: ein Treffer durch Christensen (79.). Schalke hingegen schoss ein halbes Mal aufs Gladbacher Tor und erzielte damit zwei Treffer durch Hintereggers Eigentor (59.) und Goretzkas abgefälschten Weitschuss (83.). Am Ende des Tages: 1:2-Niederlage, entsprungen einer spektakulären Kette von individuellen Fehlleistungen.

Nun ist es so, dass du während der Saison sicher ein paar Spiele hast, die du mit Pech verlierst, weil du fünf Mal den Pfosten triffst oder der Schiri falsche Entscheidungen trifft. Dem gegenüber stehen die Spiele, die du mit ebenso viel Glück gewinnst. Was mir aber momentan extrem auf die Nerven geht, ist die ständige Mär von den “unnötigen” oder “unglücklichen” Niederlagen. Für eine Mannschaft mit Europapokal-Ambitionen ist die Auswärtsbilanz von 11 Punkten aus 13 Spielen verheerend. Es liegt der Gedanke nahe, dass das in der Summe nichts mit Glück oder Pech zu tun hat, sondern mit Defiziten.

In jeder Beziehung fehlt uns ein Quäntchen: Talent, Klasse, Finesse, Erfahrung, Abgeklärtheit, Kaltschnäuzigkeit. Besonders auffällig war das in der Champions League, aber auch das abstruse Spiel gestern ist ein Beleg. Für mich die wichtigste Erkenntnis der Saison: Ohne “Killer-Instinkt” bist du keine Spitzenmannschaft. Nicht die bloße Anzahl der erzielten Tore ist ein Indikator für Offensivqualität, viel entscheidender sind in engen Partien die Zeitpunkte. Du musst einfach auch mal ein Tor erzwingen, wenn du es unbedingt brauchst. Darin besitzt zum Beispiel Bayern München eine herausragende Expertise.

Die Fohlenelf ist in dieser Saison in ihren Leistungen extrem schwankend. Das hat viele Gründe, auf die ich hier nicht schon wieder eingehen will. Es führt leider kein Weg daran vorbei: Damit müssen wir uns abfinden! Das Gebot der Stunde ist deshalb, die Erwartungen auf ein rationales Maß herunterzuschrauben. Mein Ziel heißt Platz 7. Wenn wir unsere restlichen drei Heimspiele gewinnen, könnte das haarscharf reichen.

Natürlich ist es so, das will ich nicht wegdiskutieren, dass Borussia Mönchengladbach durch eine Handvoll herausragender Auftritte in dieser Saison Erwartungen bei den eigenen Fans geweckt hat. Erwartungen, die die Mannschaft derzeit in fremden Stadien nicht erfüllen kann. Von daher sollte man sich als Spieler auch mit selbstgefällig-großkotzigen Ankündigungen wie “Auf Schalke stoppen wir die Auswärts-Krise!” tunlichst zurückhalten.