Heimspielfreuden

von Thorsten Cöhring am 13. März 2016

Ich sitze im Borussia-Park und sehe die Spiele gegen Bremen, Köln, Stuttgart und Frankfurt. 5:1, 1:0, 4:0, 3:0. Mein Gemütszustand pendelt stetig zwischen zufrieden und begeistert. Und dennoch stelle ich mir unaufhörlich in Gedanken eine einzige Frage: “Warum, zum Teufel?”

Warum, zum Teufel, spielt meine Borussia auswärts ganz anders als im heimischen Park? Zu Hause dominant, willensstark und entschlossen, auch in den Zweikämpfen; auswärts manchmal ängstlich, manchmal bemüht, aber irgendwie immer halbherzig. Ergebnis: Dritter in der aktuellen Heimtabelle, Fünftletzter, gleichauf mit Hannover, in der Auswärtstabelle. Eines der unergründlichen Mysterien dieser seltsamen Saison…

Zugegeben: Frankfurt war die bisher schlechteste Gastmannschaft, die ich in dieser Saison im Borussia-Park gesehen habe. Eintracht verweigerte jede Teilnahme am Spiel und verbarrikadierte sich mit einer gefühlten Zehner-Abwehrkette um den eigenen Strafraum. Damit hatten wir eine halbe Stunde lang große Mühe. Zudem parierte Frankfurts Keeper Hradecky zwei Mal prächtig gegen den sehr agilen Lars Stindl (10. und 28.).

Dann aber navigierte uns eben jener Hradecky von der Einbahn- auf die Siegerstraße. Eine zu kurze Faustabwehr nach Raffael-Freistoß landete vor den Füßen von Stindl, der gedankenschnell zum 1:0 einschoss (36.). Kurz nach der Halbzeitpause landete Hradeckys zu kurze Fußabwehr vor den Füßen von Raffael, der die Kugel aus 35 Metern gekonnt per Bogenlampe ins leere Tor schlenzte (53.). Damit war die einseitige Partie entschieden. Aber Mo Dahoud hatte noch etwas in petto.

Erst holte er sich nach einer völlig überflüssigen Operetten-Einlage die 4. Gelbe Karte ab. Schreiben wir diese dämliche Aktion mal freundlicherweise seinem jugendlichen Überschwang zu. Und in der 79. Minute erzielte er das Schlitzohr-Tor des Jahres zum 3:0-Endstand: Er lief von halblinks allein aufs Frankfurter Tor zu, schaute in die Mitte und schob gleichzeitig den Ball ins kurze Eck. Ein “No-Look-Goal”. Ziemlich hohe Kunst.

Am Freitagabend steht wieder ein Auswärtsspiel an. Bei Schalke 04. Nach den Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit rechne ich dort nicht mit einem Punkt. Und schon mal gar nicht, sollten unsere defensiven Leistungsträger Nordtveit und Xhaka verletzt ausfallen. Falls Xhaka spielen kann, droht ihm, ebenso wie Dahoud und Hazard, eine Gelbsperre für das immens wichtige Heimspiel gegen Hertha. Lieber nicht drüber nachdenken…

Kleiner Exkurs zum Abschluss: Hat jemand am Samstag das “Aktuelle Sport-Studio” gesehen? Dort dozierte Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen über die sportliche Volatilität der Bundesliga unterhalb der “Top 6”. Ich spreche immer von den “Top 5” (München, Dortmund, Schalke, Wolfsburg, Leverkusen), also denjenigen Clubs, die unabhängig von der sportlichen Situation immer über unerschöpflich sprudelnde Geldquellen verfügen – woher auch immer sie stammen. Wer also ist der Sechste im Bunde? Meint er Hoffenheim? Oder, upcoming, Leipzig?

Borussia meint er hoffentlich nicht, denn auch wir sind nach wie volatil. Unser SRB-Konzept (SRB = Spieler-Reifegrad-Beschleuniger habe ich gerade erfunden, weil die Begriffe Ausbildungs- bzw. Weiterbildungsverein bei uns im Management nicht wohl gelitten sind) kann auch durchaus eines Tages in den Tabellenkeller führen. Speziell dann, wenn es an Hackordnung im Kader fehlt. Dazu kann es am Saisonende durchaus kommen, wenn uns mit Martin Stranzl (Karriereende), Granit Xhaka und Havard Nordtveit (beide Vereinswechsel) möglicherweise drei Führungsspieler gleichzeitig verlassen. Eine Herkules-Aufgabe, die da möglicherweise auf Max Eberl und Andre Schubert zukommt. Denn dann geht es bei den Einkäufen für 2016/17 nicht nur um fußballerische Qualität, sondern vor allem um Führungsqualität.