Vorgeführt vom Tabellenletzten

von Thorsten Cöhring am 16. April 2016

Es gibt Spiele von Borussia Mönchengladbach, nach deren Abpfiff ich am liebsten einen Kasten Bier auf ex trinken würde. Nicht vor Freude, sondern um mein Gehirn für einen überschaubaren Zeitraum zu suspendieren. Ungefähr nach der 12. Flasche erinnere ich mich nicht mehr an das Spiel und halte meine Borussia nur noch für den geilsten Club der Welt. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Ausprobiert habe ich es noch nicht. Obwohl gestern wieder eine gute Gelegenheit gewesen wäre.

Borussia Mönchengladbach wurde vom Tabellenletzten und fast sicheren Absteiger Hannover 96 nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Die Gastgeber waren uns läuferisch, kämpferisch und auch spielerisch haushoch überlegen. Und natürlich vor allem in puncto Willensstärke. Am Ende stand ein hochverdienter 2:0 (0:0)-Sieg durch Anton (49.) und Sobiech (60.).

Es war kein Spiel zum Nägelkauen oder zum Schwarzärgern. Im Gegenteil. Während ich die 90 Minuten anschaute, ertappte ich mich dabei, dass ich plötzlich Mitleid mit unseren Spielern hatte. Mitleid deshalb, weil die Jungs durch eine Handvoll exzellenter Spiele in dieser Saison bei großen Teilen der Fangemeinde Erwartungen geweckt haben, die sie auch nicht ansatzweise erfüllen können.

Sind wir wirklich so gut, wie viele, übrigens auch Club-Verantwortliche, glauben? Ich behaupte: Nein!

Seit vielen, vielen Monaten fühle ich mich wie der einsame Rufer in der Wüste: Wir haben 2015/16 sehr viele talentierte Spieler im Kader, die zu herausragenden Leistungen fähig sind. Aber nur gelegentlich. Punktuell. Nicht auf Dauer. Wir sind in dieser Saison keine Spitzenmannschaft; jedenfalls keine Spitzenmannschaft im Sinne von Champions-League-Kandidat. Der positive Ausreißer der vergangenen Saison hat offenbar vielen den Blick auf die Realität vernebelt.

Um eine Spitzenmannschaft zu werden, müssten wir den Kader in jedem Mannschaftsteil qualitativ erheblich verbessern. Und zwar mit erstklassigen gestandenen Spielern, nicht mit Talenten. Wenn ich unsere “Philosophie” richtig verstehe, dann wird das nicht passieren. Aber darüber werde ich am Ende der Saison ein paar Zeilen schreiben, das soll heute nicht Thema sein.

Ich werde mit Interesse die Trainer-Diskussion verfolgen. Ist schon irgendwie faszinierend, wie kurz der Weg eines Bundesligacoaches vom Himmel in die Hölle ist. Du brauchst nur den Erwartungen nicht gerecht zu werden – und seien diese noch so unrealistisch. Thema Mitleid, siehe oben.

Übrigens: Wo ist eigentlich Granit Xhaka, wenn man ihn braucht? Hat diese Frage auch schon mal jemand gestellt?

Wenn wir unsere beiden Heimspiele gegen Hoffenheim und Leverkusen gewinnen, könnte es mit 51 Punkten gelingen, den 7. Platz zu verteidigen. Aber daran glaube ich selbst nicht. Das Auftreten und die Körpersprache der Mannschaft in Ingolstadt und vor allem gestern in Hannover war derart verheerend, dass für Optimismus momentan kein Platz in meinem Kopf ist.

Platz 8 wäre selbst für mich eine Enttäuschung. Oder doch nicht? Immerhin steigen wir nicht ab. Es ist nicht leicht, dieses Fan-Leben…

Vielleicht sollte ich mir mal vorsorglich einen Kasten Bier kaufen.

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