Ein Tag wie aus dem Fußball-Märchenbuch

von Thorsten Cöhring am 8. Mai 2016

Wer war nach dem 5. Spieltag mit null Punkten Tabellenletzter? Wer holte in dieser Saison die wenigsten Auswärtspunkte? Wer steht am Saisonende auf dem Platz, der zu Qualifikationsspielen um die Champions League berechtigt? Unglaublich, aber wahr: Die Antwort auf alle diese Fragen lautet – Borussia Mönchengladbach!

Einerseits macht mich das immer noch fassungslos. Andererseits aber, und das ist viel wichtiger: Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Verein und auf meine Mannschaft! Platz 4 – das bedeutet: Die Europatour 2016/17 ist gesichert!

Ob es die Champions League wird oder die Europa League, das entscheidet sich in den Qualifikationsspielen im August. Wie unsere Chancen im “Platzierungsweg” stehen, mag sich jeder selbst ausrechnen. Auf Wikipedia.de gibt es eine stets aktuelle Übersicht. Seitenwahl.de hat schon mal einen sehr umfassenden Blick voraus geworfen. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass wir zu den gesetzten Teams gehören werden. Das bedeutet: Uns droht ein ziemlich harter Brocken vom Kaliber ManCity oder Villarreal in der Qualifikation.

Aber freuen wir uns zunächst einmal über das Erreichte. Ich gebe es zu: Nach den beiden deprimierenden Niederlagen in Ingolstadt und Hannover hatte ich meiner Mannschaft dieses Husarenstück nicht mehr zugetraut. Deshalb bin ich um so glücklicher. Es ist das Optimum einer Saison, die von Rückschlägen, Nackenschlägen und einer beispiellosen Achterbahnfahrt der Gefühle geprägt war. Im Editorial des gestrigen Fohlenechos sprach unser Präsident Rolf Königs von “einer bewegten und bewegenden Saison”. Damit hat er zweifellos den Nagel auf den Kopf getroffen.

Irgendwie war unser gestriges Heimspiel gegen Bayer Leverkusen fast schon sinnbildlich dafür. Leverkusen war mit dem letzten Häuflein der Aufrechten angereist. Es ging für den Werksclub um nichts mehr, von daher war der Siegeswille mäßig ausgeprägt. Aber die stark ersatzgeschwächte Reservisten-Truppe hatte bei herrlichem Wetter irgendwie Bock auf Fußball und stürzte uns von einer Verlegenheit in die nächste.

Borussia hatte eine starke Anfangsphase mit einem Pfostenschuss durch Wendt nach 30 Sekunden (!) und einer klaren Chance durch Traore (10.). Aber spätestens nach Kruses spektakulärem Abschluss (sein Schuss sprang vom Pfosten an die Latte) und Kießlings Nachschuss, den Sommer gerade noch parierte (11.), drehte sich die Partie komplett. In der 20. Minute nutzte Aranguiz eines der vielen Löcher in unserer Abwehr zum 0:1. Die Fohlenelf wirkte danach oft wie paralysiert. Das Laufspiel funktionierte ebensowenig wie das Passspiel. Fehler über Fehler. Ich hatte auf der Tribüne alles andere als ein gutes Gefühl.

Aber da gibt es ja noch Andre Hahn. Gefühlt hat er uns in den vergangenen Wochen ganz allein auf den 4. Platz geschossen. Nach einer Verkettung glücklicher Umstände landete der Ball bei Traore, dessen Schuss Leno zwar abwehrte, aber gegen Hahns Abstauber zum 1:1 war der Bayer-Keeper machtlos (43.).

Verzweifeltes Warten auf den Siegtreffer – so lautete das Motto der zweiten Halbzeit. Der hätte durchaus auch Leverkusen gelingen können, wie nicht nur das Torschussverhältnis von 14:17 unterstreicht. Ein Spiel zum Nägelkauen. Oder in den Sitz beißen. Zumal der Betrachter mit zunehmender Spieldauer den Eindruck hatte, die meisten Gästespieler lägen viel lieber bereits am Urlaubsstrand.

Dann geschah es. Ungefähr gegen 17.05 Uhr begann das Märchen des 7. Mai 2016 seinen Lauf zu nehmen. Zunächst hämmerte Andre Hahn die Kugel zu unserem 2:1-Siegtreffer ins Leverkusener Netz (79.). Wenig später erzielte Darmstadt in Berlin den Siegtreffer und zum krönenden Abschluss gelang in der Schlussphase sogar noch Augsburg der Ausgleichstreffer auf Schalke. Ergebnis dieser märchenhaften 10 Minuten:

platz4

Manch einer mag jetzt mahnend den Zeigefinger heben und auf die Saison 1977/78 verweisen, als es uns fast gelungen wäre, am letzten Spieltag einen 10-Tore-Rückstand auf Köln aufzuholen – durch das legendäre 12:0 über Dortmund. Aber ähnliches traue ich weder Mainz noch Hertha oder Schalke zu. Von daher können wir entspannt das letzte Saisonspiel in Darmstadt genießen. Zumal es für die geretteten “Lilien” auch um nichts mehr geht. Ein Punkt dort sollte allemal möglich sein.

Schade war nur, dass unsere Freunde vom FC Liverpool wegen der Terminkollision nicht wie gewohnt zu unserem letzten Heimspiel der Saison kommen konnten. Ich hätte gern mit ihnen zusätzlich den Einzug ins Europa-League-Finale gefeiert. Es wäre die Krönung dieses Märchentags gewesen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben… 😉

Liebe Reds, ich drücke euch am 18. Mai in Basel gegen Sevilla fest die Daumen! YNWA