Feierabend? Nein, Feier-Abend!

von Thorsten Cöhring am 29. September 2016

Das war es also, unser sportliches Highlight des Jahres im Borussia-Park. Borussia Mönchengladbach gegen FC Barcelona. Ein großer Eisbecher mit Sahne für die Fanseele. Dass Barca am Ende das Spiel verdient mit 1:2 (1:0) gewann, tat der prächtigen Stimmung keinen Abbruch und war letztlich nur eine Randnotiz.

Eine Geschichte, die wir später unseren Enkeln erzählen können: "Damals, als wir gegen Barcelona 1:0 führten...".

Eine Geschichte, die wir später unseren Enkeln erzählen können: “Damals, als wir gegen Barcelona 1:0 führten…”.

Über das “Erlebnis Champions League” im Borussia-Park habe ich jetzt oft genug geschrieben. Es sind Events, die vor allem für den mittleren Bereich des Körpers bestimmt sind, für Herz, Seele und Bauch. Der sportliche Reiz steht eher hinten an. Denn in der Champions League können wir ergebnismäßig auf Top-Niveau nicht mithalten. Acht Matches haben wir jetzt dort absolviert, allesamt gegen absolute Top-Teams. Davon wir eines gewonnen (4:2 gegen FC Sevilla).

Abgesehen von der leisen Hoffnung, die irgendwie immer vorhanden ist, war nüchtern betrachtet von vornherein klar, dass wir gegen das Superstar-Ensemble des spanischen Meisters chancenlos sein würden. Auch wenn die ohne ihren verletzten Megastar Lionel Messi antreten mussten. Was ich übrigens sehr bedauert habe, denn ich hätte den Zauberzwerg wahnsinnig gern mal live erlebt.

Borussia bot gegen den hohen Favoriten eine couragierte Leistung, getragen von Herz und Leidenschaft. So stelle ich mir das vor, das macht mich stolz! Über eine Stunde lang roch es sogar ein wenig nach Sensation. Wir führten durch einen Treffer von Hazard (34.), nach feinem Pass des erneut starken Dahoud, mit 1:0. Es war unsere einzige wirklich zwingende Toraktion des Spiels, aber viel mehr war auch nicht zu erwarten. Borussia fuhr mutige Konter, spielte sie jedoch selten aus, was mir vor allem der Nervosität geschuldet schien. So hatte Marc-Andre ter Stegen im Barca-Tor einen durchaus ruhigen Abend.

Unser Abwehrbollwerk hielt bis zur 65. Minute. Dann erzielte Turan den 1:1-Ausgleich und wenig später staubte Abwehrchef Pique nach einer Ecke zum 1:2-Siegtreffer für die Katalanen ab (74.). Ein Sieg der individuellen Klasse und des überbordenden Selbstvertrauens. Mehr nicht. Denn mit solch dezenten Auftritten wie gestern wird Barcelona die Champions League ganz sicher nicht gewinnen. Und ein Neymar wird sicherlich irgendwann kapieren müssen, dass man nicht dadurch zu einem Top-Fußballer wird, indem man sich pausenlos schreiend zu Boden fallen lässt.

Es war ein Spiel, wie wir es auch in der vergangenen Saison in der Champions League mehrfach erlebt haben. Unsere Mannschaft zeigte über weite Strecken eine gute Leistung und stand am Ende doch mit leeren Händen da. Alle sind am Ende zufrieden, wenn wir nach jedem CL-Match sagen können: Wir konnten auf diesem Level fußballerisch mithalten, ohne eine Siegchance zu haben. Da schließe ich mich durchaus mit ein.

Das ist unser Credo, dessen Grundlage der gebetsmühlenartig wiederholte Satz “Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen” bildet. Wir sind mit dem bislang Erreichten zufrieden, weshalb auch nie die Aussage “Wir dürfen nicht vergessen, wo wir hinwollen” zu hören ist. Deshalb geben uns paradoxerweise Niederlagen gegen Barcelona, Manchester und Co. ein gutes Gefühl.

Zwei Ereignisse trübten indes die großartige Stimmung im ausverkauften Borussia-Park. Einerseits die erneute Verletzung von Raffael, für den der Einsatz gestern offenbar viel zu früh kam. Es schien so, als sei die alte Oberschenkelverletzung wieder aufgebrochen. Einen längerfristigen Ausfall des Brasilianers können wir nicht verkraften, er ist der einzige Spieler im Kader, den wir auch nicht ansatzweise gleichwertig ersetzen können.

Andererseits drückte der Punktgewinn von Celtic Glasgow im Parallelspiel gegen ManCity auf’s Gemüt. Das setzt uns unter Druck, denn eine Niederlage in drei Wochen in Glasgow könnte unsere Europatour 2016/17 bereits vorzeitig beenden. Um in die Europa League einzuziehen, brauchen wir gegen Celtic mindestens vier Punkte. Mindestens!

Aber bis dahin ist noch Zeit. Vor der Länderspielpause steht noch eine Bundesligapartie auf dem Programm. Am Sonntag gibt’s kein Eis mehr, sondern wieder trockenes Brot. Wir müssen nach Gelsenkirchen. Kurioserweise befindet sich Schalke derzeit in der gleichen Lage wie wir vor Jahresfrist: Mit einer ziemlich guten Mannschaft die ersten fünf Bundesligaspiele verloren. Seinerzeit diente uns Trainer Weinzierl mit dem FC Augsburg als Aufbaugegner, das Spiel leitete die Wende ein. Jetzt könnten wir umgekehrt Trainer Weinzierl mit Schalke als Aufbaugegner dienen. Ich hoffe, dass es dazu nicht kommen wird…

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