Tag der Fußballarbeit

von Thorsten Cöhring am 25. September 2016

Unser 2:0 (1:0)-Erfolg über den FC Ingolstadt war ein unansehnliches Match. 90 Minuten, die sich so zäh dahinzogen wie Kaugummi. Aber das war auch das einzig Negative an diesem herrlichen Spätsommernachmittag im Borussia-Park. Ansonsten gab es nämlich eine Fülle sehr erfreulicher Erkenntnisse.

1. Mit jetzt 10 Punkten aus 5 Spielen haben wir den Sprung ins obere Tabellendrittel geschafft. Das ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber verglichen mit der Bilanz vor einem Jahr (0 Punkte aus den ersten 5 Spielen) eine sehr schöne Ausbeute.

2. Borussia feierte den 10. Bundesliga-Heimsieg hintereinander. A la bonheur! Die letzte Niederlage setzte es im Januar gegen Dortmund.

3. Mo Dahoud machte ein außergewöhnlich gutes Spiel, zumindest über weite Strecken. Er sprühte vor Spielwitz, spielte wunderbare Pässe und erkämpfte sich mit aggressivem Zweikampfverhalten etliche Bälle. Das war schon fast wieder der Mo aus der vergangenen Saison. Das sollte ihm endlich das nötige Selbstvertrauen zurückgeben, das ihm zuletzt abhanden gekommen war.

4. Wir haben gegen Ingolstadt, die glücklicherweise diesmal einen nicht ganz so hässlichen Drecksfußball spielten wie in der vergangenen Saison, im dritten Bundesligaspiel erstmals ein Tor geschossen. Was dabei besonders bemerkenswert war: Die Statistiker zählten nur ganze 7 (!) Torschüsse der Fohlenelf – und davon waren zwei drin. Lars Stindl versenkte einen Abpraller aus 18 Metern zum 1:0 (43.), und Oscar Wendt markierte nach brillantem Querpass von Dahoud freistehend das 2:0 (76.). Ingolstadt hatte nur eine echte Torchance durch Morales nach 45 Sekunden. Ansonsten musste Yann Sommer keinen einzigen Ball abwehren, wenn ich mich recht erinnere.

5. Es gibt ein “Fußballspiel” und es gibt eine “Fußballarbeit”. Da du gegen extrem laufstarke und aggressive Mannschaften wie Ingolstadt nicht “spielen” kannst, musst du gegen sie “arbeiten”. Geduldig arbeiten. Laufen und kämpfen. Ich hatte mich vor dem Anpfiff sehr gewundert, weshalb neben dem verletzten Raffael auch Thorgan Hazard und Ibo Traore nur auf der Bank saßen. Alle drei Offensiv-“Künstler” draußen. Stattdessen elf ehrliche Arbeiter auf dem Platz. Nach dem Abpfiff wusste ich, warum. Ja, wir haben die “Fußballarbeit” gewonnen. Das ist höchst erfreulich, denn das konnten wir lange Zeit so gut wie gar nicht.

Beim 6. Punkt muss ich etwas weiter ausholen. Ich gehörte nie zu den Kritikern von Andre Schubert. Wenn man ihm in seiner jetzt einjährigen Amtszeit überhaupt etwas vorwerfen kann, dann ist es, dass er oft zu schnell zu viel wollte. Aber er hat die Mannschaft taktisch weiterentwickelt, das steht außer Frage. Gleichwohl haben wir ein Problem mit unserer Spielanlage, die gelegentlich etwas operettenhaft wirkt. Unser Spielaufbau mit Kombinationsspiel aus dem eigenen Strafraum heraus ist extrem störanfällig, auswärts noch gravierender als zu Hause. Wir sind nun einmal nicht so technisch brillant wie München oder Dortmund.

Wenn also das Aufbauspiel mangels Anspielstationen in der eigenen Hälfte nicht funktioniert und du mit flachen Kombinationen nicht in die gegnerische Spielhälfte kommst, dann muss der Ball auf andere Art dorthin: Hoch und weit. Das ist ein extrem probates Mittel im Fußball, das von den meisten spanischen und vor allem italienischen Mannschaften angewandt wird: Du spielst den Ball weit und hoch Richtung gegnerisches Tor und spekulierst auf den “zweiten Ball”. Damit überlässt du zwar viel dem Zufall, aber wenn es denn einmal funktioniert, bist du relativ nahe am gegnerischen Tor.

Zunächst aber musst du den hohen Ball sichern. Damit das halbwegs passabel und verlässlich funktioniert, brauchst du Stürmer, die entweder hin und wieder ein Kopfballduell gewinnen und so den Ball zum eigenen Mann bringen, oder die den hohen Ball annehmen, sichern und mit dem Fuß weiterverarbeiten können.

Und an dieser Stelle beginnt das Problem von Borussia Mönchengladbach. Wir haben keine gelernten Stürmer und wir sind die kopfballschwächste Mannschaft der Bundesliga.

Deshalb hatte Schubert gegen Ingolstadt eine Idee, die ich anfangs für ziemlich skurril hielt, die sich später aber als logisch herausstellte: Er beorderte Fabian Johnson (!) neben Andre Hahn in die Sturmspitze. Kurz gesagt: Unsere beiden mit Abstand besten Kopfballspieler.

Und das funktionierte tatsächlich einige Male recht gut. Zwar entsprangen diesem Schachzug keine klaren Torchancen, aber die Ingolstädter Elf wirkte bisweilen sehr irritiert. So viele lange Bälle im Spielaufbau von Borussia Mönchengladbach – daran muss sich der Gegner erst einmal gewöhnen. Was dazu führt, dass er selbst Fehler macht.

Vielleicht ist das der Beginn einer Flexibilisierung und damit Weiterentwicklung unserer gesamten Spielanlage. Ich hoffe es. Aber ohne echte Stürmer sind wir diesbezüglich limitiert, dessen müssen wir uns bewusst sein.

So viel dazu.

Jetzt steht am Mittwoch das Highlight der Saison auf dem Programm. Champions-League-Duell gegen den großen FC Barcelona im Borussia-Park. Leider kommen die Spanier ohne den verletzten Lionel Messi. Jammerschade! Das wäre das i-Tüpfelchen gewesen. Aber es wird auch so ein festlicher Abend. Das Ergebnis ist aus unserer Sicht nachrangig. Die beiden für uns relevanten Spiele gegen Celtic Glasgow kommen erst danach.