Die Wahrheit liegt in der Mitte

von Thorsten Cöhring am 3. Oktober 2016

So eine Tabelle ist eine wunderbare Erfindung. Sie taugt bestens für alle Varianten des Konjunktivs. Zum Beispiel: Wenn wir gegen Schalke gewonnen hätten, wären wir Tabellenzweiter hinter Bayern München gewesen. Der Indikativ dagegen ist erheblich pragmatischer: Wir haben gegen Schalke verloren und sind nach sechs Spielen mit 10 Punkten Tabellenneunter.

Irgendwie war die 0:4 (0:0)-Schlappe in Gelsenkirchen eine Niederlage mit Ansage. Das teure Schalker Star-Ensemble musste nach fünf Niederlagen hintereinander um jeden Preis gewinnen. Es ist ja nicht so, als wenn wir diese Situationen nicht aus eigener Erfahrung kennen würden. Oft genug standen wir in den vergangenen Jahren auf der Seite, auf der gestern Schalke stand. Von daher ist diese Niederlage zwar ärgerlich, aber sie kommt alles andere als überraschend. Etwas überraschend ist allein die Höhe.

An Tagen wie diesem, von denen es ja in den vergangenen zwölf Monaten sehr viele gab, bin ich immer über drei Dinge besonders verblüfft. Erstens, mit welch unbeschreiblicher Naivität wir solche Spiele angehen. Zweitens vermisse ich bei meiner Borussia den “Erfolgshunger”, die unbedingte Gier nach Punkten. Und drittens: Wo sind sie geblieben, der Mut und die Entschlossenheit? Hat der Borussia-Park ein eigenes Karma, oder was? Manchmal bin ich kurz davor, an übersinnliche Mächte zu glauben.

Um sich einen angeschlagenen Gegner wie Schalke vom Hals halten zu können, der mit allen Mitteln um den Sieg kämpft, muss man schon verdammt kaltschnäuzig sein. Und das sind wir nicht, der sportliche “Killer-Instinkt” geht uns ab. Statt cool unsere Konterchancen zu suchen und konsequent abzuschließen, tappen wir sehenden Auges in die Ballbesitz-Falle. Wir lassen uns auf das angebotene Scharmützel ein und ziehen am Ende den Kürzeren, weil der Siegeswille auf der anderen Seite größer ist und wir selbst mangels individueller Qualität der Spieler Fehler am Fließband produzieren.

Schalke gewann verdient durch Tore von Choupo-Moting (52., Foulelfmeter), Embolo (56., 83.) und Goretzka (58.). Und Borussia Mönchengladbach machte das, was Borussia Mönchengladbach üblicherweise auswärts immer macht: wenig bis nichts. Produktivität gleich null. Wir sind allein getrieben von unserem Ballbesitz-Fetischismus, was gelinde gesagt paradox ist für eine Mannschaft, deren größte Stärke im Konterspiel liegt. Von den letzten 14 Bundesliga-Auswärtsspielen seit dem 31. Oktober 2015 in Berlin (4:1 über Hertha) haben wir eines gewonnen. Und zwar das für beide Teams absolut bedeutungslose im Mai in Darmstadt (2:0). Demgegenüber stehen aktuell zehn Heimsiege hintereinander. Noch Fragen? Wer Borussia nur an den teilweise spektakulären Heimauftritten misst und die bisweilen erbärmlichen Gastspiele ignoriert, der hat ein veritables Wahrnehmungsproblem.

Die Wahrheit liegt, wie fast immer im Leben, in der Mitte. Wenn wir nach sechs Spielen einen Querschnitt durch die bisher gezeigten Leistungen ziehen, dann geht der 9. Platz von Borussia absolut in Ordnung. Nicht nur wegen des Tabellenplatzes sehe mich aktuell in meiner Einschätzung bestätigt, die ich vor Saisonbeginn geäußert habe: Wenn wir in dieser Saison die obere Tabellenhälfte erreichen, dann ist das für uns ein Riesenerfolg. Wer gerne weiterhin der Illusion anhängen möchte, wir seien eine “Spitzenmannschaft” und hätten “den besten Kader aller Zeiten”, für den ist dieser Blog möglicherweise nicht der richtige Ort. Denn ich sehe die Dinge grundlegend anders. Wir haben einen in der Breite etwas überdurchschnittlichen Kader. Mehr nicht. Und daran sollten wir die Erwartungen ausrichten. Das in den sozialen Netzwerken inzwischen wieder sehr beliebte Hashtag #auswaertsdeppen ist keines, das gewöhnlich im Zusammenhang mit Top-Teams verwendet wird.

Nach der Länderspielpause geht es mit einem nicht weniger komplizierten Heimspiel weiter. In zwei Wochen kommt der Hamburger SV in den Borussia-Park, der ebenfalls fünf Spiele hintereinander verloren hat. Der HSV steht ebenfalls unter massivem Erfolgsdruck. Mal schauen, wie sich unsere Mannschaft gegen diesen angeschlagenen Gegner aus der Affäre zieht. Ich wäre ziemlich erfreut, wenn wir nicht erneut als Aufbaugegner herhalten würden…