Erste Reifeprüfung bestanden

von Thorsten Cöhring am 21. Oktober 2016

Spiele in der Champions League sind für Borussia und alle ihre Fans Feiertage. Das erwähnte ich schon mehrfach. Ich war am Mittwoch nicht vor Ort dabei, aber wenn ich die Posts meiner Facebook-Freunde richtig deute, dann muss das Gastspiel bei Celtic Glasgow, mit dem ganzen Drumherum, ein echtes Highlight gewesen sein. Zumal Borussia diesmal auch noch das dazugehörige Fußballspiel gewann.

Eigentlich wäre Celtic für die Fohlen ein passender Partner für eine Fanfreundschaft. Wenn die Schotten nicht schon mit Borussia Dortmund verbandelt wären. Mich persönlich trifft das weniger. Ende der 60er Jahre hing in meinem Kinderzimmer eine überdimensionale Fahne von Borussia Mönchengladbach. Darunter ein Riesenwimpel des FC Liverpool und daneben ein kleiner Wimpel – der Glasgow Rangers. Aber das nur am Rande.

Leider hatte ich gestern keine Zeit für einen Blog-Beitrag und durfte so aus der Distanz miterleben, wie der 2:0 (0:0)-Sieg im Celtic Park eine tsunamiartige Euphoriewelle rund um Borussia auslöste. In solchen Zeiten ist es schwierig, auch nur halbwegs nüchtern zu analysieren. Denn das will keiner hören. Stattdessen wird plötzlich über das CL-Achtelfinale schwadroniert.

Gemach, gemach! Es war ein schöner und wichtiger Sieg, aber wir haben noch nichts erreicht. Weiterhin gilt: Wenn wir ins Sechzehntelfinale der Europa League wollen, dann dürfen wir das Rückspiel gegen Celtic in zwei Wochen AUF GAR KEINEN FALL verlieren. Das ist dann die zweite, noch wichtigere, Reifeprüfung für die Fohlenelf.

Erstmals in unserer noch nicht sehr langen Champions-League-Historie hatten wir mit Celtic Glasgow einen Gegner, dem wir sportlich auf Augenhöhe begegnen konnten; von den Quali-Spielen abgesehen. Diese Aufgabe hat unsere Mannschaft im Hexenkessel Celtic Park außerordentlich gut bewältigt. Mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen: Disziplin, Laufbereitschaft, Zweikampfhärte. Und das Wichtigste: Entschlossenheit! Die Verkörperung all dessen, was du auf internationalem Parkett brauchst, war für mich am Mittwoch Andre Hahn. Er erweckte in keiner Aktion den Eindruck, als sei er gewillt, in diesem Spiel Gefangene zu machen.

Und endlich – ENDLICH! – offenbarte unsere Mannschaft einmal den so lange vermissten “Killer-Instinkt”. Beide Tore fielen genau zum richtigen Zeitpunkt, als wir sie dringend brauchten. Dank Hahn. Er sorgte dafür, dass aus zwei nicht vorhandenen Torchancen zwei Treffer wurden. In der 57. Minute grätschte er Celtics Abwehrchef Kolo Toure den Ball ab und legte Stindl zum 0:1 auf. In der 77. Minute luchste Stindl Kolo Toure im Aufbau den Ball ab und Hahn vollendete nach unwiderstehlichem 30-Meter-Sprint zum 0:2.

Zwei keineswegs herauskombinierte Tore. Zwei erzwungene Tore. Ballbesitz ist für uns, mit unseren taktisch begrenzten offensiven Möglichkeiten, Schall und Rauch. Defensive Stabilität, Balleroberung, blitzschnelles Öffnen der Räume und konzentrierter Abschluss. Das ist das Angriffsspiel von Borussia Mönchengladbach. Das war es prinzipiell übrigens auch schon in den 70er Jahren. Damals allerdings wesentlich variabler, weil wir zum Beispiel mit Simonsen und Heynckes ganz andere Kaliber in der Spitze hatten. Weshalb wir heutzutage auswärts meist um mehr Ballbesitz bemüht sind als der Gegner, ist und bleibt mir ein Rätsel.

Vor einigen Jahren schrieb 11Freunde.de: “Dortmund erwürgt seine Gegner, Bayern erschießt sie mit dem Schalldämpfer. Löw … will mit ihnen tanzen, bis sie tot umfallen.” Und Borussia? Wir erledigen das üblicherweise mit dem Skalpell. Aber die filigranen Schnitte müssen perfekt sitzen, sonst schneiden wir uns selber in die Finger und müssen genäht werden. Alles natürlich mit einem Zwinker-Smiley: Sportsprache ist gewöhnlich nicht zimperlich, deshalb bin ich auf diese 11Freunde-Metapher eingestiegen.

Okay, wir haben einen sehr erfreulichen Sieg eingefahren und müssen jetzt zu Bayern München. Im Unterschied zu den letzten vier Begegnungen mit den Überfliegern zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Es könnte also dieses Mal sehr unangenehm werden. Aber dieses Duell ist ohnehin kein Maßstab. Denn danach kommen drei Heimspiele innerhalb von sieben Tagen, die für den weiteren Saisonverlauf eminent wichtig sind: Das Pokalspiel gegen Stuttgart, das Bundesligaspiel gegen Frankfurt und das Champions-League-Match gegen Glasgow.

Danach lässt sich vermutlich genauer einschätzen, was aus dieser Saison noch werden kann.